Fundstücke 2021-2024

2021

Januar 2021: Haberfeld Nr. 7 – Zeitschrift nicht nur für bayerische Gefangene
Februar 2021: Buttontuch aus dem BBU-Bestand
März 2021: Roy Bricks Zeichnung „Auf der Archivleiter“
April 2021: Wohnraum für alle!
Mai 2021: Vom Handels-, Wandels- und Wandersblatt
Juni/Juli 2021: Guten Morgen. 50 Jahre Ton Steine Scherben
August 2021: Plakat zur Hausbesetzung in Münster
September 2021: Manuskripte einer sozialistischen Schülergruppe aus Wattenscheid
Oktober 2021: COMIX – feministische comix & cartoons
November 2021: Aktionsmaterial der Projektgruppe Rheinland: Frauen gegen Apartheid Mülheim/Ruhr
Dezember 2021: 50 Jahre Georg von Rauch-Haus

2022

Januar 2022: Medico mental – das einzigartige Antirepressivum
März 2022: Sandwich-Umhang der Fraueninitiative 6. Oktober
April 2022: Aufkleber: Kein Nazi-Aufmarsch
Mai 2022: Plakat aus den Anfängen der Anti-AKW-Bewegung
Juni 2022: Flugblatt der Bürgerinitiative gegen Umweltgifte Duisburg-Nord
Juli 2022: Schriftstücke des Bochumer Weiberrats
August 2022: Comic Asterix und das Atomkraftwerk
September 2022: Lasst 1004 Türme blühen
Oktober 2022: Audio-Kassette mit Steve Biko-Interview
November 2022: Flugblatt zur Aktion Giroblau
Dezember 2022: Bürgertreff Räuber Hotzenplotz Info

2023

Januar 2023: Garzweiler II 1993/1996
Februar 2023: Spucki: Keine Jeck es illejal
April 2023: Vegetarier-Lied
Mai 2023: Regenhose mit Schlamm aus Lützerath
Juni 2023: Flugblätter vom Pariser 1968
Juli 2023: Tuch mit verschiedenen Buttons der 1980er Jahre
August 2023: Fotos von Emmerich Rath, oder: Die Materialität ist die Message
September 2023: Roter Kalender 1975
November 2023: Friedenstauben zum 3. Golfkrieg
Dezember 2023: Plakat Wackersdorf an Weihnachten

2024

Januar 2024: 30 Jahre zapatistischer Aufstand in Chiapas
Februar 2024: Dokumente aus der Sammlung des Vegetarierbundes e.V.
März 2024: Aufkleber: Kein Knast für Hasch
April 2024: Protokoll der Gruppe Internationale Marxisten zur Vorbereitung des 1. Mai 1981
Mai 2024: Punk-Zine „Drecksblatt“
Juni 2024: Fax zum Castortransport
Juli 2024: Dokumente zum Tod von Günter Routhier 1974
August 2024: Das Eschhaus-Heft
September 2024: Heftchen Lieber krankfeiern als gesundschuften
Oktober 2024: Das Spiel „Wem gehört die Stadt?“
November 2024: Fotos von Fasia Jansen
Dezember 2024: Besetztes Lebkuchenhaus


2024

Dezember 2024: Besetztes Lebkuchenhaus

Mit unserem Fundstück des Monats Dezember haben wir es uns in diesem Jahr leicht gemacht: zu sehen ist das Ergebnis der hohen Backkunst einer Mitarbeiterin, thematisch ist das Lebkuchenhaus selbstverständlich an unser Sammelgebiet angepasst. In diesem Jahr vergingen die Wochen vor dem letzten Arbeitstag viel zu schnell – sie waren geprägt vom letzten Feinschliff an unserem zweijährigen Projekt, das nun zu Ende geht, einigen Winter-Seuchen, die das Team erwischt hat, der Gründung eines Fördervereins für das afas sowie unseres (halb-)jährlichen Klausurtags! Dadurch musste das Fundstück leider etwas zurückstecken und wir belassen es nun bei diesem Augenschmaus. Wir wünschen allerseits schöne Feiertage und alles Gute für das neues Jahr!

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November 2024: Fotos von Fasia Jansen

Sign.: NLO.45.F2.15
Sign.: NLO.45.F2.10
Sign.: NLO.45.F3.5
Sign: NLO.45.F2.6
Sign.: NLO.45.F1.15
NLO.45.F3.1

Unsere Fundstücke des Monats sind Fotos der Friedensaktivistin und Liedermacherin Fasia Jansen. Im September erhielt das afas einen Ordner mit Fotos von Fasia Jansen durch ihre hinterbliebene Partnerin Ellen Diederich. Die Fotos wurden bereits digitalisiert und in unseren Katalog eingepflegt. Im November stellte Ellen Diederich einen zweiten Ordner für die Digitalisierung zur Verfügung. Viele der Fotos werden so zum ersten Mal öffentlich zugänglich.

Die Fotos bilden nicht nur Fasia Jansens facettenreiches politisches Leben über mehrere Jahrzehnte ab, sondern bieten auch ungewohnt private Einblicke. Zu sehen ist Fasia Jansen u.a. auf Friedensmärschen, im sogenannten Frauenzimmer des K14, beim Hungerstreik der Hoesch-Frauen, und bei der Vorbereitung der Weltfrauenkonferenz in Nairobi, dabei immer wieder mit Gitarre oder Akkordeon in der Hand.
Aber auch Fasia als junge Frau in den 1950ern, zusammen mit ihrer Großmutter, Fasia mit Ellen Diederich in vertrauter Zweisamkeit, beim Essen und schlafend. Immer wieder sieht man sie lachen, entschlossen in die Kamera blicken, aber auch ernst und nachdenklich.

Beim Einpflegen der Fotos müssen nicht nur die FotografInnen recherchiert werden, um Fragen der Nutzungsrechte zu klären, sondern möglichst auch Personen identifiziert werden, die neben Fasia Jansen auf den Fotografien abgebildet sind. Dabei helfen oft die handschriftlichen Hinweise von Ellen Diederich neben den Fotos. Beim Katalogisieren der Bilder lernt man bei der dazugehörigen Recherche nicht nur neue Aspekte der politischen Bewegungen seit den 1960er Jahren kennen, sondern hat auch das Gefühl, Fasia Jansen als Person näher zu kommen.
Manche der Fotos geben auch weiteren Kontext zu bereits vorhandenen Beständen: Auf einem der Fotos von Fasia bei den Arbeitskämpfen während der Stahlkrise in Rheinhausen ist ein Transparent zu sehen. Dieses erhielt das afas bereits vor einigen Jahren von der Aktivistin Ingrid Menk, die das Transparent gestaltet hatte.
In den Fotos tut sich das Panorama einer politischen Biographie auf, welche nicht nur eng verbunden war mit Friedensbewegung, Frauenbewegung, Antirassismus und Arbeitskämpfen auf bundesweiter und internationaler Ebene, sondern auch ein nicht wegzudenkender Teil der der Lokalgeschichte ihrer Wahlheimat Oberhausen und der Region Ruhrgebiet ist.

Der Großteil des Bestandes des Internationalen Frauenfriedensarchiv Fasia Jansen, welches Ellen Diederich und Fasia Jansen zusammen aufgebaut haben, wurde dem afas bereits 2019 übergeben, der restliche Teil kam 2024 dazu. Die Erschließung der über 600 Ordner und über 90 Umzugskartons mit Dias, Ausstellungsaufstellern, Plakaten, Broschüren, Zeitschriften und hunderten VHS- und Audio-Kassetten ist für das kommende Jahr geplant.

Der persönliche Nachlass Fasia Jansens befindet sich im Archiv des Fritz-Hüser-Institutes in Dortmund.

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Oktober 2024: Das Spiel „Wem gehört die Stadt?“

afas-Sign.: Obj.4.12

Unser Fundstück des Monats ist – passend zur jährlichen Spielemesse in Essen – das von Hoffmanns Comic Teater entworfene und gestaltete Spiel: Wem gehört die Stadt? Das Theaterkollektiv wurde von Peter Möbius, Bruder von Rio Reiser, 1965 in Nürnberg gegründet und hatte später Jahrzehntelang seine Basis in Unna.
Der Papierbogen mit dem Spiel war ursprünglich eine Beilage zum Kursbuch Nr. 27 von 1972 unter dem Titel: Das Große Hoffmans-Comic-Gesellschafts-Spiel. Unser Exemplar wurde auf ein großes Holzbrett geklebt und ist mittlerweile stark verblasst und mit vielen Gebrauchspuren versehen.

Das Spiel, eine Mischung aus einem Würfel- und Puzzlespiel, besteht aus einem aufwendig bemalten Spielfeld, bunten Puzzleteilen und kleinen Fähnchen. Es benötigt mindestens vier SpielerInnen: Eine Person spielt als „Herr K.“ und versucht so viele Flächen wie möglich mit profitorientierten Gebäuden zu bebauen. Die anderen drei tun sich zusammen als „Rote Sterne“ und versuchen gemeinsam, die Bauflächen für das Gemeinwohl zu sichern. Bei mehr als vier SpielerInnen können einige auch für sich allein kämpfen und eine Karriere als z. B. „Geheimagent“, „Popstar“ oder „Rennfahrer“ wählen. 
Hat eine der Parteien drei Grundstücke bebaut, beginnt die letzte Phase des Spiels: Die Roten Sterne beginnen mit einem Sturm aufs Mittelfeld, um dort ihre Fahnen zu befestigen, Herr K. holt sich dazu Unterstützung von Polizisten. Wer am Ende als Erstes 7 Fahnen ins Mittelfeld gebracht hat, hat das Spiel schließlich gewonnen.

„Wem gehört die Stadt“ ist nicht zu verwechseln mit dem Spiel „Provopoli – Wem gehört die Stadt“. Dieses an Monopoly angelehnte Spiel ist auch im afas vorhanden und wird ein anderes Mal vorgestellt.

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September 2024: Heftchen Lieber krankfeiern als gesundschuften

afas-Sign. BRO.II.5509

Unser Fundstück des Monats September ist eine augenscheinlich gut genutzte Version im Hosentaschenformat des Kult-Buchs „Lieber Krankfeiern als gesund schuften“ aus den 1970er Jahren. „Arbeit macht krank!“ ist die Devise der AutorInnen und so gibt das Büchlein seitenweise Tipps, welche Krankheiten auf welche Weise am besten simuliert werden können, welche Fallstricke es dabei geben und, das Wichtigste, wie lange man dafür krankgeschrieben werden kann. Auch wird erörtert, welche Personengruppen die glaubwürdigsten SimulantInnen stellen – bei „Durchfall, Erbrechen, Darmgrippe“ etwa sind alle, „die nicht wie das blühenden Leben aussehen … (aber die meisten von uns haben eh eine fahle Blässe)“ von vornherein besonders geeignet für die erfolgreiche Verkörperung dieses Krankheitsbildes.
Dass das individuelle Blaumachen nichts an einer belastenden und potenziell krankmachenden Arbeitsstruktur ändert, ist den MacherInnen des Heftes wohl bewusst. Sie lassen ihre Tipps mit folgenden Zeilen ausklingen:
„Eure Energie
Eure Kraft
Eure Zeit
Gewonnen durch den Gebrauch dieses Heftes
Benutzt sie für Euch und zur Veränderung dieser Gesellschaft
Auf dass sie keinen mehr krank mache
Das ist unser Traum“

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August 2024: Das Eschhaus-Heft

Unser Fundstück des Monats ist das von 1976 bis 1987 erschiene Eschhaus-Heft.

Das Eschhaus war von 1974 bis 1987 ein selbstverwaltetes Jugendzentrum in der Niederstraße in Duisburg; neben dem KOMM in Nürnberg war es eines der ersten selbstverwalteten Jugend- und Kulturzentren in der Bundesrepublik.
Hier konnten die BesucherInnen Konzerte und Theateraufführungen ansehen, an Weiterbildungs,- Sport- oder Meditationskursen teilnehmen und Filmabende besuchen. Es gab Beratungsangebote, Gesprächskreise und Platz für Treffen von politischen Initiativen wie z.B. Anti-Atom-, Frauen- oder Volkszählungsboykott-Gruppen. Regelmäßig trafen sich die im Eschhaus Aktiven bei Vollversammlungen, um Aktuelles und Organisatorisches rund ums Eschhaus zu besprechen. Im monatlich erschienenen Heft finden sich Veranstaltungsprogramme und Artikel, die von einer Vielfalt der im Haus vertretenen Gruppen und Themen zeugen.

1973 verhandelten die Stadt Duisburg und ein Trägerverein des Eschhauses einen kostenlosen Nutzungsvertrag für das Haus. Jedoch gab es von Beginn an immer wieder Konflikte, die sich um Finanzierung, Lärmbelästigung der Nachbarschaft, Drogenkonsum und auch unliebsame politische Artikel im Eschhaus-Heft drehten. So wurden z.B. 1980 nach Abdruck eines Briefes des Schriftstellers Heinz Jacobi, der Bundespräsident Karl Carstens als „Alt-Nazi“ bezeichnete, Rufe laut, dem Haus die freie Trägerschaft abzuerkennen. Nur eine große Welle der Solidarität von verschiedenen Seiten rettete das Eschhaus.
Ende Mai 1987 wurde das Eschhaus schließlich doch geschlossen und bereits eine Woche danach abgerissen.

In Duisburg gab und gibt es von Akteur/Innen der freien Szene immer wieder Bemühungen, Orte für sich zu schaffen, so z.B. die Fabrik, die eine Zeitlang parallel zum Eschhaus und bis 2003 existierte, oder seit 2014 das Ladenlokal Syntopia in Hochfeld. Erst seit 2021 gibt es das soziokulturelle Zentrum Stapeltor – fußläufig vom ehemaligen Eschhaus-Standort.

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Juli 2024: Dokumente zum Tod von Günter Routhier 1974

Unsere Fundstücke des Monats sind Dokumente zum Tod Günter Routhiers im Juni 1974. Bei einem Arbeitsgerichtsprozess am 5. Juni 1974 ist er mit anderen als Zuschauer und Unterstützer anwesend. Laut Zeugenaussagen wird er, als die Polizei den Saal räumt, durch diese schwer misshandelt. Keine 14 Tage später stirbt er an seinen Verletzungen. Die offizielle Obduktion unter Ausschluss seiner Hausärztin kann keinen Zusammenhang erkennen.

Bei dem Gerichtstermin ging es um die Entlassung des KPD/ML-Mitglieds H.B. aufgrund von Streikaufrufen im Februar und Oktober 1973 bei Mannesmann in Duisburg-Huckingen. Als das Gericht die Klage H.B.s abweist, will dieser eine Rede aus dem Fenster des Gerichtssaals halten, anwesende UnterstützerInnen stimmen die Internationale an. In dem Moment beginnt die Polizei – teilweise in zivil – den Saal zu räumen: Sie „packten G. Routhier, schmissen ihn in die Stuhlreihen. Dann packten sie ihn wieder, drehten ihm die Arme auf den Rücken und schmissen ihn die Treppe hinunter. Er schlägt ein paar Mal mit dem Kopf gegen das Treppengeländer.“ (Komitee gegen die Routhier-Prozesse: Gegen Polizeiterror und politische Unterdrückung, S.8 – Sign. 12.II.1974:1)

Routhier ist Bluter, in den folgenden Tagen verschlechtert sich sein Zustand zunehmend. In einer ärztlichen Stellungnahme heißt es: „Der Krankheitsverlauf ist typisch für bestimmte Formen der intracraniellen (im Schädel) Blutung …“ und kommt zu der Einschätzung: „In Anbetracht der Vorgeschichte, des klinischen Verlaufs und der Untersuchungsergebnisse kann man davon ausgehen, dass der Tod Günter Routhiers mit Sicherheit Folge der erlittenen Verletzungen war.“ (S. 22)
Die Beerdigung am 24. Juni wird zu einer Demonstration. In der Folge werden hunderte Einzelpersonen für die Behauptung, Günter Routhier sei ermordet worden, mit Strafprozessen überzogen, u.a. auch Christian Sigrist, Professor an der Universität Münster, dessen Nachlass sich auch im afas befindet. Für die eingesetzten Beamten hat der Vorfall keine Folgen. Der Fall Routhier taucht in einer Vielzahl von Publikationen (nicht nur) des KPD/ML-Spektrums auf.

Weitere Dokumente auf dem Foto:
Rote Hilfe Dortmund, Sonderdruck 1974 – Sign. 90.III.113,2°
Der Röhrenkieker. Betriebszeitung der KPD/ML bei Mannesmann-Hüttenwerke DU-Huckingen, u.a. 1974,Mai.Juli – Sign. 12.VIII.KML.2:2
KPD/ML: Genosse Günter Routhier ist tot, die Polizei hat ihn erschlagen!, Dortmund 1974. – Sign. 9.II.194:1

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Juni 2024: Fax zum Castortransport

aus: NLO.44:188

Derzeit erschließen wir die extrem spannende Sammlung des Komitees für Grundrechte und Demokratie. Seit seiner Gründung 1980 pocht es auf die Einhaltung der Grundrechte, beobachtet und dokumentiert Menschen- und Bürgerrechtsverletzungen, wie sie zum Beispiel auf Demonstrationen geschehen. In früheren Jahrzehnten nahm die Begleitung des Widerstandes gegen die Atomkraft großen Raum in der Arbeit des Komitees ein. Im Wendland flankierte es aufwendig die Demonstrationen und Blockaden der Castor-Transporte in das dortige Atommülllager.
Aus diesem Zusammenhang stammt auch das abgebildete Fundstück, ein Fax der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg mit den knappen Worten:
„Der Castor-Transport ist um 5.00 Uhr in Walheim abgefahren. Wir lösen die Alarmkette aus.“
Während heute eine Nachricht per Messenger an alle auf den „Tag X“ Wartenden genügt, mussten eben früher zig Faxe oder eine Telefonkette auf den Weg gebracht werden.

Unser Fax wurde am frühen Morgen des 3. März 1997 an das Komitee und andere Aktive im Widerstand gegen einen neuerlichen Castor-Transport geschickt – der Protest wurde in Gang gesetzt, es konnte losgehen! Der Castor war mit Atommüll aus den Atomkraftwerken Neckarwestheim (Baden-Württemberg) und Grundremmingen (Bayern) beladen, rollte zwei Tage lang bis nach Gorleben und wurde entlang der Strecke von zahlreichen Demonstrant*innen empfangen.

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Mai 2024: Punk-Zine „Drecksblatt“

Sig.: 36.III.183

Unser Fundstück des Monats ist das Punk-Zine „Drecksblatt“, welches während der Corona-Pandemie 2020 zum ersten Mal erschienen ist. Der Begriff Zine entstammt dem englischen Wort Magazine und beschreibt Zeitschriften, welche in kleinster Auflage und meist im Selbstverlag erschienen sind. So entstammt auch diese Zeitschrift einem kleinen Selbstverlag der „Drecksmenschen“ aus dem Münsterland und gibt selbstironisch an, eine „Mischung aus schröbbeligen und qualitativen Inhalten“ zu sein. In einer DIY-Manier (Do It Yourself) werden so Gedichte, Zeichnungen, Fotostories, Berichte aus Münster oder auch Musikempfehlungen abgedruckt. Insbesondere der handgezeichnete und selbstgestaltete Charakter zeichnen das Zine aus.
Vermutlich entstanden aus der Langeweile während der Corona-Lockdowns gab es in den ersten Ausgaben nicht nur Rätsel im Winkeralphabet sondern auch linksalternative Punk-Kreuzworträtsel. Die Auflösungen finden sich jeweils in der nächsten Ausgabe. Bekommt ihr raus, was Nr. 17 im Kreuzworträtsel „Scheiße, mein Bier brennt“ meint?

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April 2024: Protokoll der Gruppe Internationale Marxisten zur Vorbereitung des 1. Mai 1981

afas Sign.: NLO:7:10.6

Zwischen 1969 und 1986 arbeitete die trotzkistische „Gruppe Internationale Marxisten“ (GIM) an der sozialistischen Revolution. Als deutsche Sektion der IV. Internationale wurde daran gefeilt, über die gründliche Analyse zur richtigen Praxis zu gelangen.
Wie das gemacht wurde, lässt sich vortrefflich anhand der zahlreichen, Briefe, Manuskripte, Notizen und Protokolle der GIM nachvollziehen, die wir im afas als Sammlung bewahren.
Unser Fundstück des Monats ist ein Protokoll der Düsseldorfer Ortsgruppe von 7. April 1981. Es enthält auch kurze Notizen „zum Vorbereitungstreffen für einen Internationalismusblock“ zur 1. Mai-Demo. Die GIM war äußerst bündnisaffin und mischte in gewerkschaftlichen und Hochschul-Zusammenhängen, aber auch in den Sozialen Bewegungen der Zeit mit. Das gelang nicht immer ohne weiteres, wie das Protokoll weiter zeigt: „demo mit ca. 500 leuten, neues haus besetzt, (…) martin berichtet vom hausbesuch: wurde nicht reingelassen, hg. auch nicht! angst vor agenten, sahen zu alt aus!“

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März 2024: Aufkleber: Kein Knast für Hasch

Sign.: OBJ.2.616

Mit dem Slogan ‚Kein Knast für Hasch‘ sprachen sich die JungdemokratInnen bereits Anfang der 1990er Jahre für eine Legalisierung aus. Der Aufkleber stammt höchstwahrscheinlich aus NRW, wo der parteiunabhängige, linke Jugendverband zwischen 1989 und 1993 diesen Namen trug.
Nach der Fusion mit der ostdeutschen Marxistischen Jugendvereinigung (MJV) Junge Linke hieß der Bundesverband noch bis 1994 Jungdemokraten/Junge Linke (Jd/JL), bevor auch dieser sich zum feministischen Binnen-I durchringen konnte. Der zu dieser Zeit noch den Grünen nahestehende Verband wird seine Forderung sicherlich auch dort eingebracht haben.

Am 22. März 2024 ließ der Bundesrat das Cannabisgesetz der Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP passieren, das ab dem 1. April den Besitz von 25g und drei Pflanzen zum Eigenbedarf legalisiert. Bis dahin noch nicht vollstreckte Geld- oder Gefängnisstrafen, die nach dem neuen Gesetz nicht mehr verfolgt werden, müssen rückwirkend erlassen werden.

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Februar 2024: Dokumente aus der Sammlung des Vegetarierbundes e.V

Unsere Fundstücke des Monats sind Dokumente aus der Sammlung des Vegetarierbundes e.V., die beim diesjährigen Tag der Archive am 02.03.2024 von uns ausgestellt werden: Zeitschriften, Aufkleber, Fotografien, Textilien sowie eine Medaille. Diese Materialien aus dem Zeitraum der 1860er bis 2000er Jahre dokumentieren die vielfältige Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der vegetarischen Bewegung in Deutschland. Der Vegetarierbund Deutschland (VEBU, heute ProVeg) ist die größte vegetarische Initiative Deutschlands.

Die ausgestellten Zeitschriften zeigen, welche ethischen, gesellschaftlichen und politischen Themen die VegetarierInnen in den jeweiligen Jahrzehnten diskutiert haben.

Der blaue Samt-Aufnäher in Sternenform mit silbern besticktem V stammt von dem Wuppertaler Sportler Hanns Seidenzahl, der in einem vegetarischen Fußballverein vor dem 1. Weltkrieg aktiv war. Auch die ausgestellte Medaille bezeugt den sportlichen Wetteifer der Vegetarier: Karl Mann gewann sie 1902 bei einem Wettgehen.

Die seit 1908 stattfindenden internationalen Welt-Vegetarier-Kongresse dienen zur internen Vernetzung und zur Festigung der internationalen vegetarischen Idee. Das ausgestellte Fotobuch dokumentiert den Welt-Vegetarier-Kongress 1960 in Hamburg. Neben den Fotos zeugen auch der Anstecker und der Tischwimpel von einer aus heutiger Sicht eher strengen und konservativen Tischkultur.

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Januar 2024: 30 Jahre Zapatistischer Aufstand in Chiapas

 
Signaturen: Plakate: P3.1002 (1995) und P3.821 (2001), Chiapas-Rundbrief: 90.III.1230

Unsere Fundstücke des Monats sind Dokumente der Gruppe B.A.S.T.A. aus Münster, die sich „als Reaktion auf den Zapatistischen Aufstand in Chiapas/Mexiko vom 1. Januar 1994 zunächst als ‚Studiengruppe Mexiko‘ gegründet“ hatte und die sich seitdem bemüht, Texte und Ideen der EZLN (Ejército Zapatista de Liberación Nacional – Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung) zu übersetzen und praktische Solidarität zu leisten.

Zu sehen sind hier zwei Veranstaltungsplakate und zwei Ausgaben des Chiapas-Rundbriefs. Die Veranstaltungen 1995 und 2001 informierten über den Aufstand im Kontext des Einparteiensystems in Mexiko und des neoliberalen Freihandelsabkommens NAFTA bzw. der ‚Karawane der Würde‘ zusammen mit Teilen der mexikanischen Zivilgesellschaft.
Daneben finden sich noch Broschüren, Flugblätter und weitere Materialien in den Beständen des afas, die zum Teil über das Archiv des Umweltzentrums Münster (UWZ) zu uns gelangt sind.
Zum 30. Jahrestag des Aufstandes gibt es auch einige Eindrücke und Texte auf der Homepage der Gruppe.

Die EZLN inspirierte mit ihren Ideen von basisdemokratischer Selbstverwaltung und transnationaler Vernetzung die Anti-Globalisierungs-Bewegung maßgeblich. Ihre Slogans gingen buchstäblich um die Welt: „Otro Mundo es posible!“ – „Eine andere Welt ist möglich!“ – oder:
Eine Welt, in der viele Welten Platz haben. – „Un mundo donde quepan muchos mundos.“

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2023

Dezember 2023: Plakat Wackersdorf an Weihnachten

afas-Sign.: PO2.9

Unser Fundstück des Monats ist ein Plakat, welches vermutlich 1985 entstand und zu Weihnachten und Silvester nach Wackersdorf einlud. Herausgegeben wurde es von Oberpfälzer Bürgerinitiativen und Gruppen gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf. Gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung protestierten AtomkraftgegnerInnen aus dem gesamten Bundesgebiet gegen die WAA. Der Konflikt um die WAA entwickelt sich zu einem der großen Themen der Anti-Atomkraftbewegung der 1980er Jahre.
Am 14. Dezember 1985 besetzten WAA-GegnerInnen einen Teil des Baugeländes und errichteten dort das Hüttendorf „Freie Oberpfalz“. Am 16. Dezember wurde dieses von mehr als 3.000 Einsatzkräften von Bundesgrenzschutz und Polizei geräumt. Einige Tage darauf entstand ein zweites Hüttendorf mit über 50 Hütten, in dem WAA-GegnerInnen 1985 Weihnachten feierten und die „Freie Republik Wackerland“ ausriefen.
Nach der Räumung des Hüttendorfs am 7. Januar 1986 gab es noch jahrelang weitere Proteste gegen die geplante WAA, u. a. eine Großdemonstration im März 1986 mit etwa 100.000 Teilnehmenden sowie sieben Anti-WAAhnsinns-Festivals in den 1980er Jahren.

1989 schließlich wurden die Pläne für das Bauvorhaben endgültig eingestampft.
Am Franzikus-Materl, einem Kapellen-Bildstock, an dem sich die BewohnerInnen des Hüttendorfs an den Weihnachtstagen 1985 trafen, finden noch heute Andachten an den Hiroshima- und Tschernobyl-Gedenktagen statt.

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November 2023: Friedenstauben zum 3. Golfkrieg

Die Friedenstauben kamen vor kurzer Zeit gemeinsam mit zwei Stahlschränken zu uns ins Archiv geflattert. In diesem persönlichen Vorlass der Düsseldorfer Künstlerin und Wandmalerin Anne Aumann finden sich u. a. Skizzen ihrer Aktionskunst und Unterlagen zum politisch-alternativen Karneval.
Die Friedenstauben erblickten 2003 das Licht der Welt: Wenige Wochen vor dem traditionellen Ostermarsch der Friedensbewegung begann der Dritte Golfkrieg mit dem Überfall der USA und „der Koalition der Willigen“ auf den Irak. In den Vorbereitungen zum Ostermarsch kam Anne Aumann auf die Idee zur Parole „Scheiß Überstunden“ – welche die Täubchen schon damals schieben mussten – und fertigte eine Skizze an. Beim abendlichen Brainstorming mit anderen Friedensaktivist*innen in der Kneipe kamen dann später weitere Sprüche hinzu, etwa „Ich flieg mir noch n Wolf…“
Die Friedenstauben von Anne Aumann sind nach 20 Jahren noch erstaunlich gut erhalten – und thematisch leider nach wie vor aktuell.

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September 2023: Roter Kalender 1975

Sign.: NLP.22:40

Unser Fundstück des Monats stammt aus einer Sammlung des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW): es handelt sich um den Roten Kalender für Lehrlinge und Schüler aus dem Jahre 1975. Der Kalender erschien ab 1972 – zunächst im Wagenbach- später dann im Rotbuch-Verlag. Vor allem in den 1970er Jahren waren alternative Kalender in den sich stetig ausdifferenzierenden westdeutschen Bewegungen populär und äußerst auflagenstark. Der Rote Kalender 1975 informiert über Chile, Hausbesetzungen oder richtiges Verhalten auf Demos, es gibt Cartoons und Gedichte und ein Adressverzeichnis von Roten und Schwarzen Hilfen, alles in einer ungewöhnlich klaren Sprache.

Unser Exemplar ist mit Terminen eines damaligen K-Grüpplers vollgeschrieben: Plena, Kundgebungen, Komitee- und Zellentreff – Tage ohne politischen Termin sind die Ausnahme.

Sign.: NLP.22:40

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August 2023: Fotos von Emmerich Rath, oder: Die Materialität ist die Message

Im Bestand vom Vegetarierbund (VEBU) Deutschland e.V. (jetzt ProVeg) sind etliche Fotos aufgetaucht, die bekannte Personen der vegetarischen Bewegung zeigen. Insbesondere die Portraits und Fotografien in alltäglichen Umgebungen sind interessante Einblicke in vergangene Jahrzehnte. Nicht nur stellt dieses Foto-Konvolut einen bedeutenden Beitrag zur Verbildlichung der vegetarischen Bewegung dar, sondern es erzählt auch von Patina, Spuren der Handhabung und dem Medium Fotografie als Gebrauchsgegenstand.
Auf den gezeigten Fotografien sehen wir Emmerich Rath (1883-1963), der als vegetarischer Allround-Sportler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sein Ansehen genoss.
Das erste Foto von etwa 1908 ist auf einer Postkarte abgedruckt und zeigt neben dem gestählten Körper Raths die alterstypische Patina sowie eine Einstichstelle am oberen Bildrand. Dies lässt annehmen, dass dieses Bild aufgehängt wurde. Bei noch näherer Betrachtung werden die Schemen eines Fingerabdrucks in der linken Bildhälfte sichtbar. Auch dies weist auf seine Funktion als Gebrauchsgegenstand hin.
Das zweite Foto zeigt Rath auf Wasserski und ist auf der Rückseite handschriftlich mit „1926“ versehen. Auch hier zeigen sich Einstichstellen, zwei fehlende Bildecken sowie ein breiter Klebestreifen, der die ehemals geknickte Fotografie in ihrer Gänze bewahren soll. Ganz unten in der rechten Bildecke sieht man einen Prägestempel des Fotostudios Posselt-Smichov. Darin ist zu lesen: Foto 1929. Welches ist nun das richtige Datum?
Das dritte Foto lässt sich schätzungsweise auf das Jahr 1959 datieren. Rath ist darauf mit beladenem Fahrrad zu sehen. Auf den ersten Blick sieht der Hintergrund leicht milchig aus, bei der zweiten Betrachtung fällt auf, dass es sich nicht um eine herkömmliche Tiefenunschärfe handelt, sondern durch Auftragen einer weißlichen Farbe erzeugt wurde. Um die Person Raths jedoch schärfer hervorzuheben, wurden kleine dunkle Retuschen vorgenommen – eine früher gängige Art der Bildmanipulation. Auch der handschriftliche Vermerk auf der Rückseite „Bitte zurückschicken“ ist ein Verweis auf das Foto als Gebrauchs- und Besitzgegenstand. Jedoch hat es statt seinen Bestimmungsort nach über 60 Jahren den Weg ins afas gefunden.


Juli 2023: Tuch mit verschiedenen Buttons der 1980er Jahre

Sign.: Obj.4.10

Unser Fundstück des Monats ist ein Tuch mit ca. 70 verschiedenen Buttons der 1980er Jahre, das AktivistInnen so zusammengestellt und uns überlassen haben. Neben vielen Buttons aus der Friedensbewegung (z.B. zu den Ostermärschen) sind auch einige Buttons aus der Frauen-, Gewerkschafts-, ArbeiterInnen- und Anti-Atomkraft-Bewegung zu sehen.
Auch lokaler Duisburger Protest wird abgebildet: Es finden sich Buttons der Fraueninitiative Rheinhausen, die 1987/88 gemeinsam mit der Belegschaft und der Bevölkerung gegen die Schließung des Rheinhausener Hüttenwerks protestierte, sowie drei Buttons gegen den Betrieb der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) in Duisburg-Wanheim. Dort wurden seit 1985 bis 2010 radioaktive Abfälle deutscher Kernkraftwerke verarbeitet.

Die abgebildeten Buttons geben nur einen kleinen Einblick in unsere Buttonsammlung. Mittlerweile sind über 400 Buttons in unserem Katalog recherchierbar.

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Juni 2023: Flugblätter vom Pariser 1968

Der 65-jährige Geburtstag von ‘68 geht in diesem Jahr ohne die große Jubiläumsmaschine über die Bühne. Wie es der Zufall aber so will, haben wir vor wenigen Wochen einen kleinen Nachlassteil von Johann Friedrich (Jonas) Geist erhalten, in dem ein ganzer Stapel Flugblätter zu finden war: Geist, Architekt und Architekturtheoretiker (der größte Teil des Nachlass liegt im Archiv der Universität der Künste und im Archiv der Akademie der Künste in Berlin) hatte sie wohl höchstselbst im Mai und Juni 1968 in den Straßen von Paris eingesammelt.
Die Flugblätter verdeutlichen, dass das französische ’68 nicht nur radikaler, sondern thematisch auch anders gelagert war als das deutsche. In den Texten spielen Streik und Gewerkschaften eine große Rolle, die Kritik an Charles de Gaulle, Arbeitslosigkeit sowie Kunst und Kultur. Unter den Flugblättern befinden sich auch Manuskripte, wie das des französischen Künstlers Lucien Lautrec zur künstlerischen Bildung oder das zum Streik bei der École nationale supérieure des beaux-arts, der Pariser Kunsthochschule.
Auf den Bildern außerdem zu sehen: ein Flugblatt des Comité d’Action Magrebin zur Rolle der nordafrikanischen Migranten in der sozialistischen Revolution, eine Zeichnung des Sacre Coeur sowie ein Flugblatt zum Tode des Schülers Gilles Tautin, der auf der Flucht vor Polizisten in der Seine ertrank.

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Mai 2023: Regenhose mit Schlamm aus Lützerath

Unser Fundstück des Monats ist diesmal ein Objekt, das erst vor Kurzem seinen Weg zu uns gefunden hat und von dem gar nicht so richtig klar ist, wie oder wie lange wir es aufbewahren können. Die schlammbesprenkelte Regenhose kam am 14. Januar 2023 in Lützerath zum Einsatz. Neben „Alle Dörfer bleiben“ hatten ein Bündnis und viele Mitstreiter*innen aus Umwelt- und Klimabewegung zum Protest gegen die (da noch nicht durchgeführte, aber bereits beschlossene) Räumung von Lützerath und für den Kohleausstieg geladen. Das Wetter war dem Anlass entsprechend trübe, an vielen Stellen geriet die Großdemonstration zur Schlammschlacht. Gegen RWE und die politischen Beschlüsse kamen die teils jahreslangen Besetzungen in und um Lützerath, die zehntausenden Demonstrant*innen und die vielen weiteren Unterstützer*innen aus Zivilgesellschaft und Wissenschaft nicht an: bald nach der Demo vom 14. Januar wurde Lützerath weggebaggert.

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April 2023: Vegetarier-Lied

Unser Fundstück des Monats April ist das Vegetarier-Lied aus dem Jahr 1948 und entstammt dem Bestand des Vegetarierbunds Deutschland (VEBU, heute ProVeg), welcher derzeit erschlossen wird.

Wie ihre VorgängerInnen orientierten sich auch die VegetarierInnen der Nachkriegszeit an ethischen Glaubenssätzen wie Entsagung von irdischen Genüssen in Form von Tabak, Alkohol oder auch Tee. Auch wenn dies heute für uns nicht zwangsläufig unter die Definition der vegetarischen Lebensweise fällt, hatten die damaligen VegetarierInnen oftmals ein strengeres Verständnis.

Erwachsen aus der Lebensreform-Bewegung der Jahrhundertwende legten sie viel Wert auf biologische und unbehandelte Nahrung, Rohkost und eine naturnahe Lebensweise wie sie beispielsweise von Prießnitz und Kneipp gepriesen wurde. Nicht nur sollte die vegetarische Ernährung Tierleid und Krankheiten vorbeugen, sondern auch den Menschen an sich „veredeln“. Eine Nähe zu christlichen und esoterischen Ideologien lässt sich im Liedtext erkennen:

„Die reine Frischkost speisen wir: Gemüse, reife Früchte, die Gott lässt wachsen auf der Erd […] Qualm hassend lechzen wir nach Luft und Licht für Haut und Lungen. Durch Atmung, Sonne strömen sie in uns vom Weltall ohne Müh natürlich ungezwungen.“

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Februar 2023: Spucki: Keine Jeck es illejal

Signatur: OBJ.2.347

Unser Fundstück des Monats ist der Spucki „keine jeck es illejal“ in der närrischen Version des Logos der Kampagne Kein Mensch ist illegal, die sich in Köln seit 1997 für Geflüchtete einsetzt. Der Spucki aus den späten 1990er Jahren zeigt den schwarz-roten Stern mit Narrenkappe der Stunksitzung. Unter dem Motto „Keine Jeck es illejal“ wird jedes Jahr zu Karneval für die antirassistische Arbeit Geld gesammelt: Feiern für den guten Zweck.
Die anarchische Narrenfreiheit ist letztlich älter als der offizielle Karneval (in Köln). Die preußische Besatzung wollte ihn vor 200 Jahren verbieten. Seitdem gibt es ein Festkomitee und den Rosenmontagszug, um das närrische Treiben in geregelte Bahnen zu lenken. Doch bis heute feiert das ‚Gemeine Volk‘ auch in den Gassen und Spelunken.

In diesem Sinne: Helau & Alaaf!!

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Januar 2023: Garzweiler II 1993/1996

afas-Signaturen: 75.II.1993:10 und 75.II.1996:4

Unsere beiden Fundstücke des Monats sind zwei Broschüren, die die Erweiterung des Rheinischen Braunkohlegebiets Garzweiler II vor und nach dessen Genehmigung kurz vor den Landtagswahlen in NRW im Mai 1995 behandeln.
Die erste Broschüre ist eine ausführliche Stellungnahme vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Naturschutzbund und der Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt von März 1993. Im Kapitel zur Energiepolitik werden die offiziellen Berechnungsgrundlagen in Frage gestellt und die Gefahr für das Weltklima betont. Fazit dieses Kapitels: „Der Tagebau Garzweiler II ist energiepolitischer Unsinn“.
Die Broschüre von März 1996, ebenfalls von BUND und Naturschutzbund, trägt den vielsagenden Untertitel „Wie an der Schwelle zum 21. Jahrhundert ein Braunkohletagebau durchgesetzt werden soll.“
Die Genehmigung zur Erweiterung wurde schließlich 1997 erteilt und 2006 wurde begonnen, das Gebiet mit Schaufelradbaggern abzutragen.

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2022

Dezember 2022: Bürgertreff Räuber Hotzenplotz Info

afas-Sign.: 30.III.7

Unser Fundstück des Monats Dezember ist eine Kleinstpublikation, das Bürgertreff Räuber Hotzenplotz Info. Dieses lokale Sprachrohr aus den sozialen Bewegungen erschien von 1989 bis 1991 in Lemgo und beschäftigte sich u.a. mit der dortigen Hausbesetzung in der Gantengabel 13b, mit Atompolitik, Antifa und Anarchie. Alle Ausgaben sind liebevoll gestaltet, mit Zeichnungen und einer schönen (Hand-)Schrift von Andi Wolff, der später u.a. durch seine in der Zeitschrift Graswurzelrevolution abgedruckten Comics bekannter wurde. Der hier abgebildete „Andi-Comic“ skizziert das fröhlich-anarchistische Selbstverständnis und mobilisiert zum wöchentlichen Treffen der gleichnamigen Gruppe. Die Zeitschrift stammt aus dem Vorlass von Bernd Drücke, der 2019 dem afas übergeben und nun zum großen Teil in die afas-Datenbank eingearbeitet wurde.

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November 2022: Flugblatt zur Aktion Giroblau

aus: NLP.22:3

Unser Fundstück des Monats wurde Anfang der 1980er Jahre von Atomkraft-Gegner*innen aus Hamm in Umlauf gebracht: ein Flugblatt zur Aktion „Giroblau“. Es regt an, sich zahlreich an dieser legalen, aber wirksamen Methode zu beteiligen, die die EDV-Systeme der Stromkonzerne durch chaotische Stromzahlungen auszutricksen vermag. Durch Zahlung der Stromrechnung in bar mit Kleingeld, Überweisung mit unregelmäßigen Teilbeträgen oder kreative Angabe der Kundennummer (etwa in römischen Ziffern) werde der Aufwand für die Stromkonzerne bestenfalls so groß und teuer, dass sie – so geschehen in den Niederlanden – der Forderung der Anti-AKW-Aktivist*innen nachgeben und den Atomstrom absetzen, um endlich Ruhe zu haben. Die Aktion wurde in Deutschland von verschiedenen Gruppen propagiert, u.a. auch von Robin Wood, die ihrerseits mit „Giroblau“ gegen die Luftverschmutzung durch Stromkraftwerke protestieren wollten. Ob Giroblau den gewünschten Erfolg hatte und den einen oder anderen Stromkonzern zum Handeln zwang, ist nicht bekannt.

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Oktober 2022: Audio-Kassette mit Steve Biko-Interview

afas-Signatur: AVM.AAB.1.4

Unser Fundstück des Monats Oktober ist eine Kassette, die mit der Übernahme der Geschäftsstelle der Anti-Apartheid-Bewegung Einzug ins afas gehalten hat und vor kurzem zu neuem Ruhm gekommen ist.
Zufällig haben wir auf der Seite des Bayerischen Rundfunks (BR) den Recherche-Bericht einer Dokumentarin gelesen, die derzeit damit befasst ist, alte Aufnahmen des BR zu sichten. Dabei stolperte sie über den Nebensatz in einem Nachrichten-Beitrag von 1988, dass im BR die einzigen authentischen Filmaufnahmen von Steve Biko vorliegen sollen. Biko war südafrikanischer Bürgerrechtler und kämpfte gegen die Apartheid. Heute gilt er als einer der Wegbereiter des Black-Consciousness-Movement. Er starb im August 1977 in Polizeigewahrsam an den Folgen der Folter während der Haft.
Als nun die Dokumentarin diesem Hinweis auf das Filmmaterial von Steve Biko nachgehen wollte, erzielte sie in den BR-Datenbanken keine Treffer. Steve Biko war nicht verschlagwortet! Erst als sie den Filmemacher recherchierte, entdeckte sie die gesuchten Aufnahmen von Biko. Der Filmemacher und Journalist Edmund Wolf hatte ihn für seine Dokumentation „Weiß in Südafrika“ interviewt – während eines geheimen Treffens, schließlich hatte Biko Hausarrest und durfte nur stark eingeschränkt Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen. Das Interview fand 1977 kurz vor seinem Tod statt.

Beim Lesen des Recherche-Berichts fiel uns sofort unsere Audiokassette aus der Anti-Apartheid-Bewegung (AAB) ein, die wir vor einigen Jahren digitalisiert hatten. Auf ihr ist ein Interview mit Steve Biko zu hören, und beschriftet mit „given by Edmund Wolf“ und ebenfalls aus dem Jahr 1977. Wir nahmen Kontakt zu der BR-Dokumentarin auf und hatten eine spannende Korrespondenz, in der wir versuchten herauszufinden, ob unsere Kassette eine Audiospur des Interviews ist, das in der Reportage „Weiß in Südafrika“ gesendet wurde, oder ob sie darüber hinausgehende Inhalte vorweist.
Leider können wir nicht mehr rekonstruieren, auf welche Weise die Kassette in die AAB-Sammlung gelangt ist. Wahrscheinlich hat Edmund Wolf nach Bikos Tod die Audioaufnahmen an Gruppen gestreut, die gegen Apartheid gekämpft haben und so auch die AAB mit einem Exemplar bedacht.

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September 2022: Lasst 1004 Türme blühen

afas-Signatur: P2.1831

Das Plakat zeigt ein Foto von Dieter Schaarschmidt (Gorleben Archiv). Zu sehen ist der mit Transparenten der Anti-Atom-Bewegung geschmückte Turm des Hüttendorfes 1004 in Gorleben. Das Hüttendorf entstand im April 1980 auf der Tiefbohrstelle 1004, die von AtomkraftgegnerInnen besetzt wurde, um den dort geplanten Bau eines „Entsorgungsparks“ mit Atommüllendlager und Wiederaufbereitungsanlage (WAA) zu verhindern.

Am 3. Mai 1980 wurde die Republik Freies Wendland ausgerufen. Sie bestand 33 Tage. Bis zu 5.000 AktivistInnen versuchten dort eine selbstorganisierte, ökologische und basisdemokratische Utopie zu verwirklichen, bevor das Hüttendorf am 4. Juni 1980 von über 6.000 Bundesgrenzschutz- und PolizeibeamtInnen geräumt wurde.

Nach der Räumung und Zerstörung des Hüttendorfes konterten Anti-Atom-AktivistInnen: „Lasst 1004 Türme blühen. Turm und Dorf könnt Ihr zerstören, aber nicht unsere Kraft, die es schuf!“

Dank eines langen Atems behielten sie recht. Weder die WAA noch das Endlager konnten gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt werden.

Wir danken Dieter Schaarschmidt und dem Gorleben Archiv e.V. für die freundliche Erlaubnis zur Dokumentation.

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August 2022: Comic Asterix und das Atomkraftwerk

afas-Sign.: 90.II.1982:42

Der Comic „Asterix und das Atomkraftwerk“ stammt aus dem Archiv des Umweltzentrum (UWZ) Münster, das 2011 vom afas übernommen wurde. Seine Geschichte liest sich wie ein Krimi:

Der Ehapa-Verlag, der u.a. die Asterix-Comics herausgibt, stellte in den 1980er Jahren Strafanzeigen gegen Unbekannt und beauftragte zu­dem Privatdetektive, die herausbekommen sollten, wer für den  „Asterix und das Atomkraftwerk“-Comic verantwortlich war. Dieser bereits seit 1978 in verschiedenen Versionen klandestin produzierte Comic aus der Anti-AKW-Bewegung verwendete Zeichnungen aus den Original-Asterix-Comics, allerdings versehen mit subversiven Texten gegen den „Brutus rapidus“ (gemeint ist der Schnelle Brüter in Kalkar). Auf Seite 3 ist zu lesen: „Wir befinden uns im Jahre … ja in welchem Jahr befinden wir uns denn? Das ist nicht immer so einfach festzustellen. Fest steht aber, daß das Land von den Mächtigen beherrscht wird. Das ganze Land? Nein, denn wo Unterdrückung herrscht, da gibt es auch Widerstand. Und davon handelt die Geschichte …“

Der Verkauf des in der linken Szene beliebten Comic kam der Arbeit der Bürgerinitiativen gegen Atomanlagen zugute. Im September 1980 wurde das UWZ nach den inkriminierten Comics durchsucht. Gefunden wurden nur wenige Exemplare. Gegen zwei Aktivistinnen wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen das Urheberrechtsgesetz eingeleitet. Eine Anekdote aus dieser Zeit erzählt, dass ein La­dengruppenmitglied während der Razzia auf seinem Stuhl saß, während seine Jacke über der Stuhllehne hing. Erst nachdem die Polizei nach der mehrstün­digen Durchsuchung abgezogen war, soll er aufgestanden sein und erleichtert aufgeatmet haben. Unter seinem Stuhl habe sich eine von der Polizei übersehene Kiste befunden, prall gefüllt mit „Asterix und das Atomkraftwerk“-Comics.

Zu sehen ist der Comic in der Ausstellung zum Sommertag der Duisburger Archive am 14.8.2022.

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Juli 2022: Schriftstücke des Bochumer Weiberrats

afas-Signatur: NLO.38:8

Die zwei Dokumente des Bochumer Weiberrats von 1970 stammen aus einer Materialsammlung des Bochumer Notstand-Archivs, die jetzt erschlossen wurde. Weiberräte entstanden ab 1968 im Milieu des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) einiger westdeutscher Universitätsstädte. Auch in Bochum trafen sich ab ca. 1969 Frauen, um untereinander Themen zu diskutieren und Aktionen zu planen, die in den zwar revolutionär gesinnten, aber im alltäglichen Miteinander männerbündisch und patriarchal agierenden Polit-Gruppen der Zeit ausgeblendet wurden. Unsere beiden Fundstücke sind ein hektografierter Brief von Sabine H. an die Genossinnen und ein Thesenpapier im Original. Letzteres trägt den Titel „Scheiß-Frauenfrage“ und wurde als Reaktion auf den Brief verfasst. So fragt Sabine H., „welche Beziehung eigentlich die vier Gruppen des Weiberrats (Emanzipationsgruppe, DDR-Gruppe, Frauenbetriebsgruppe, Erziehungsgruppe) zueinander haben“. Das Thesenpapier hingegen stellt klar: „Der Weiberrat sollte nicht feststellen, welche Beziehung die 4 Gruppen zueinander haben. Er soll feststellen, welche Beziehung der Weiberrat zur Gesamtbewegung hat und haben sollte“. Die Weiberräte waren in der Regel marxistisch orientiert und interessierten sich für den Klassenkampf. Die Fundstücke zeigen, dass auch der Bochumer Weiberrat Themen wie Kinderbetreuung, Diskriminierung und Sexualität in größeren, gesellschaftsanalytischen Kontexten verorten wollte. Zudem wird deutlich, dass Meinungsverschiedenheiten über den richtigen Weg nicht ausblieben.

Die Erschließung war durch die finanzielle Unterstützung der Kulturabteilung des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe (LWL) und der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur möglich.

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 Juni 2022: Flugblatt der Bürgerinitiative gegen Umweltgifte Duisburg-Nord

NLP.20:207

Unser Fundstück des Monats ist ein – sehr textintensives – Flugblatt der Bürgerinitiative gegen Umweltgifte Duisburg-Nord. Die Bürgerinitiative gründete sich 1988, zunächst unter dem Namen Bürgerinitiative gegen Giftmüllverbrennung, um gegen den Bau eines Entsorgungszentrums im Duisburger Norden (EZD) zu protestieren. Da die Luft bereits durch verschiedene Industrien stark belastet war, hielt man eine weitere emissionsausschüttende Anlage für nicht vertretbar. Die Bürgerinitiative stritt mit der Stadt Duisburg und der Industrie und informierte die AnwohnerInnen an Informations- und Diskussionsabenden, mit Flugblättern und offenen Briefen. Mitglieder der Bürgerinitiative und von ihr beauftragte Sachverständige und Rechtsbeistände nahmen an Erörterungsterminen im Rahmen des Genehmigungsverfahrens für das EZD teil. Es gelang der Bürgerinitiative zudem, zu einer Großdemonstration am 2.11.1991 in Duisburg-Marxloh ca. 3.000 Personen zu mobilisieren. Letzten Endes, nach ca. acht Jahren Protest, wurde 1995 beschlossen, das EZD nicht zu bauen.

Die Bürgerinitiative protestierte noch gegen einige weitere Um- oder Neubaupläne verschiedener Firmen in Duisburg. Dabei fasste sie insbesondere Projekte von Thyssen ins Auge, wie zum Beispiel den Neubau der Kokerei mit Nasslöschung und den Neubau des Hochofen 8.

Das Flugblatt stammt aus dem Nachlass von Michael Lefknecht, der Mitbegründer und lange Zeit auch Vorsitzender der Initiative war. Lefknecht war ein Arzt und Umweltmediziner aus Duisburg und in vielen Bürgerinitiativen aktiv, die für die Verbesserung der Lebensqualität und Gesundheit der Menschen, insbesondere im Duisburger-Norden, kämpften.

Der Nachlass von Michael Lefknecht ist mittlerweile komplett erschlossen und in unserem internen Katalog recherchierbar. Die Erschließung war durch die finanzielle Unterstützung des Landschaftsverbands Rheinland, des Landes Nordrhein-Westfalen und der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur möglich.

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Mai 2022: Plakat aus den Anfängen der Anti-AKW-Bewegung

afas-Signatur: P2.1843

Auf den ersten Blick ist unser Fundstück des Monats ein minimalistisch gestaltetes Plakat, auf den zweiten ein historisch wertvolles Dokument aus der Anti-Atomkraft-Bewegung.

Mit der Frage „Sollen wir auf dem Bauplatz des KKW bleiben?“ wurde 1975 zu einer öffentlichen Sitzung der Bürgerinitiativen in das Gasthaus Adler in Forchheim eingeladen. Das Kürzel KKW steht für „Kernkraftwerk“. Ähnlich wie „Entsorgungspark“ galt dieser Begriff in der der Anti-AKW-Bewegung später als euphemistisch, als verharmlosender Ausdruck für eine unkalkulierbar gefährliche Atomanlage.

Der Hintergrund des Plakates: Am Kaiserstuhl in Baden-Württemberg wollte die Atomindustrie in den 1970er Jahren das Atomkraftwerk Wyhl mit zwei Reaktorblöcken bauen. Dagegen begehrten große Teile der Bevölkerung auf.

Am 18. Februar 1975 wurde im Wyhler Wald eines der ersten Kapitel der Geschichte der Anti-Atomkraft-Bewegung in der Bundesrepublik geschrieben. An diesem Tag sollte mit dem Bau des AKW begonnen werden. Um das zu verhindern, stellten sich viele aufgebrachte Menschen und ganze Familien vor die Baumaschinen und brachten sie so zum Stillstand. Am 20. Februar 1975 räumte die Polizei den besetzten Bauplatz. Nach einer Großkundgebung am 23. Februar 1975 kam es zur zweiten Besetzung. Diese Bauplatzbesetzungen waren der Anfang von zahlreichen direkten gewaltfreien Aktionen der Anti-Atomkraft-Bewegung. Infolge der Massenproteste gegen das Atomkraftwerk Wyhl wurden die Bauarbeiten 1977 eingestellt. Ein Erfolg der Anti-Atomkraft-Bewegung. Es war das erste, aber nicht letzte AKW, dessen Bau durch diese neue soziale Bewegung gestoppt werden konnte.

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April 2022: Aufkleber: Kein Nazi-Aufmarsch

afas-Signaturen: OBJ.2.1552 – OBJ.2.1555

Unsere Fundstücke des Monats sind vier Aufkleber der Antifa Frankfurt aus dem Jahr 2002. Sie bewerben eine Demonstration gegen einen geplanten Naziaufmarsch in Frankfurt/M. am 1. Mai. Die Gestaltung der Aufkleber fällt dabei insbesondere ins Auge: Sie zeigen verschiedene Pokémons mit dem Leitspruch „Schnapp sie dir alle!“ und spielen so auf eines der beliebtesten Spiele aller Zeiten an. Durch den Bezug auf das Spiel und die TV-Serie richteten sich die Aufkleber auch an Jugendliche und es konnte vermutlich eine große Reichweite erzielt werden. Selbst im Jahr 2022 ist durch die Smartphone-Variante von PokémonGo noch der anfängliche Hype um die Pokémon-Saga zu spüren. Comic- bzw. Manga-Figuren als Gestaltungselemente waren um die 2000er in der Antifa-Szene populär.

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März 2022: Sandwich-Umhang der Fraueninitiative 6. Oktober

afas-Signatur: OBJ.6.52

Zum internationalen Frauenkampftag am 8. März präsentieren wir einen Umhang – vermutlich gefertigt aus einer Plastik-Tischdecke – mit den Aufschriften

                  „Es wird von uns kein neues Leben für eure schmutzigen Kriege geben“
               „Frauen tun‘ was in der ganzen Welt, daß sie niemals in Schutt und Asche fällt“

Der Umhang ist eines von rund 30 unterschiedlichen Exemplaren, die Feministinnen der „Fraueninitiative 6. Oktober“ auf Kundgebungen und bei Aktionen in Bonn getragen haben. Die Fraueninitiative 6. Oktober gründete sich als Reaktion auf die Bundestagswahl 1980, bei der erneut äußerst wenige Frauen ins Parlament einzogen. Sie organisierte 1981 den ersten bundesweiten Frauenkongress, auf den viele weitere folgen sollten. Aus ihren Rundbriefen entwickelte sich außerdem bald die „Initiative Frauen-Presse-Agentur“, die bis zum Jahr 2000 einen frauenpolitischen Pressedienst herausgab.

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Januar 2022: Medico mental – das einzigartige Antirepressivum

afas-Signatur: OBJ.3.68

medico international leistet als Hilfs- und Menschenrechtsorganisation seit 1968 einen Beitrag zur Beseitigung der strukturellen Ursachen von Armut und Ausgrenzung. Insbesondere die Solidarität mit Marginalisierten im globalen Süden steht im Zentrum ihrer Arbeit.

Unser Fundstück des Monats Januar entstand als Beitrag von medico international zur Nord-Süd-Kampagne des Europarates und der Europäischen Gemeinschaft in den 1980er Jahren. Die Kampagne hatte es sich zum Ziel gemacht, die asymmetrischen Beziehungen zwischen dem Westen und den Ländern des globalen Südens zu beleuchten. Sie machte zum Beispiel auf den auch heute noch großen Einfluss der westlichen Pharmaindustrie aufmerksam, der in den „Entwicklungsländern“ durch Pestizide, Verschuldung oder unwirksame Medikamente Spuren an Mensch und Umwelt hinterlässt. Da viele Länder der sogenannten Dritten Welt nicht über eine eigene Arzneimittelproduktion verfügen, sind sie von den Produkten multinationaler Pharmakonzerne abhängig.

Das Objekt mit der Signatur OBJ.3.68 besteht, neben der als Medikamentenverpackung aufgemachten Schachtel, aus elf kleinformatigen und beidseitig bedruckten Kärtchen mit Titeln wie Durchfallerkrankungen, Pestizide, Arzneimittel, traditionelle Medizin und Verschuldungskrise. Sie informieren „über Gesundheit, Medizin und überflüssige Geschäfte mit falscher Medizin in der Dritten Welt“.

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2021

Dezember 2021: 50 Jahre Georg von Rauch-Haus

Am 8. Dezember 1971 fand im Audimax der TU Berlin ein Teach-in statt, bei dem es um die bis heute nicht aufgeklärten Umstände des Todes von Georg von Rauch ging. Zum Abschluss dieser Veranstaltung spielte die Band Ton Steine Scherben. Nach ein paar Liedern brachen die Scherben ihren Auftritt ab und Rio Reiser, der seinerzeit noch Ralph Möbius hieß, rief die Anwesenden auf, zum Mariannenplatz nach Kreuzberg zu fahren. Dort sollte das ehemalige Schwesternwohnheim des leerstehenden Bethanien-Krankenhauses besetzt werden.

Gesagt – getan. Ein paar Hundert Leute machten sich auf den Weg nach Kreuzberg und besetzten das besagte Gebäude. Nach langwierigen Verhandlungen wurde das Haus, in dem fast ausschließlich JungarbeiterInnen und Treber wohnten, legalisiert. Es besteht bis heute als selbstbestimmtes Wohnprojekt.

Zum 50. Jahrestag der Besetzung war ein großes Fest im Rauch-Haus und auf dem Mariannenplatz geplant. Vielleicht hätten sogar die Rest-Scherben gespielt, doch leider fielen alle Pläne der Pandemie zum Opfer bzw. wurden in den Sommer 2022 verschoben.

Um einen authentischen Einblick in das Selbstverständnis des selbstorganisierten Kollektivs, aber auch in die Kämpfe zur Legalisierung des Hauses zu bekommen, hat das afas drei im Selbstverlag erschienene Rauch-Haus-Dokumentationen gescannt und stellt sie hiermit als Fundstücke des Monats Dezember 2021 auf seiner Webseite frei zur Verfügung.

Manfred Liebel, der seinerzeit ein wichtiger Unterstützer des Rauch-Haus-Kollektivs war, hat uns freundlicherweise die drei Dokumentationen zum Scannen zur Verfügung gestellt.

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November 2021: Aktionsmaterial der Projektgruppe Rheinland: Frauen gegen Apartheid Mülheim/Ruhr

1977 rief die Evangelische Frauenarbeit in Deutschland als Reaktion auf die Bannung der Black Women’s Federation in Südafrika ihre wohl bekannteste Aktion im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika ins Leben: den Früchteboykott. Unter dem Slogan „Kauft keine Früchte aus Südafrika – baut nicht mit an der Mauer der Apartheid“, wurden u.a. Informationsveranstaltungen durchgeführt und Kontakt mit GeschäftsführerInnen und LadenbesitzerInnen aufgenommen. Insbesondere wurden mit Ständen vor Supermärkten und in Innenstädten Einkaufende auf die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung in Südafrika aufmerksam gemacht und zum Boykott von Obst aus Südafrika aufgefordert.

Unsere Fundstücke des Monats stammen aus dem Bestand der Gruppe Frauen gegen Apartheid Mülheim/Ruhr. Es sind künstlerisch gestaltete Obsttüten. Auf ihnen wird über die Apartheid in Südafrika informiert: Eine der Tüten beschreibt den Unterschied zwischen dem Leben einer weißen und dem Leben einer schwarzen Frau in Südafrika. Auf der anderen Tüte werden die Firmen aufgezählt, die von der Apartheid profitieren.
Die Gruppe Frauen gegen Apartheid arbeitete auch nach dem Ende der Apartheid weiter, um südafrikanische Frauenorganisationen zu unterstützen und die Rechte der schwarzen Frauen zu stärken. Sie gründete 1993 den Verein „Frauen für Gerechtigkeit im Südlichen Afrika und hier“, der erst 2010 aufgelöst wurde.

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Oktober 2021: COMIX – feministische comix & cartoons

Unser Fundstück des Monats ist ein Sammelband mit feministischen Comics und Cartoons aus dem autonomen und anarchistischen Umfeld in Hannover. Entstanden im Jahr 1993, als die Comic-Szene überwiegend von männlichen Zeichnern geprägt war, versuchten Zeichnerinnen insbesondere feministische Inhalte und einen ‚female gaze‘ einzubringen.

Für den Sammelband baten die Herausgeber*innen in einer Ausschreibung, die sie an etwa 500 antirassistische und feministische Projekte schickten, um zeichnerische Beiträge. Ausgewählt wurden mehr als 50 Comics und Karikaturen unterschiedlicher unbekannter Zeichnerinnen. Thematisch sind diese an Alltagserfahrungen angelehnt, die nicht nur erwachsenen weiblich gelesenen Personen widerfahren, sondern auch die Sozialisation von Kindern maßgeblich prägen. Der von Kareen Armbruster gestaltete Comic macht dies deutlich: schon junge Mädchen werden dazu erzogen, dass ihr Dasein in der Gesellschaft nur einem dient – nämlich einen Mann zu finden und ihm Freude zu bereiten. Die Comics und Zeichnungen benennen in subtiler Art und Weise Unterdrückungsmechanismen, mit denen Frauen in unserer patriarchalen Gesellschaft konfrontiert sind. Mit Humor schaffen es die Zeichnerinnen dieses Sammelbandes Unausgesprochenes auszusprechen und ihren Teil zur Patriarchatskritik beizutragen.

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September 2021: Manuskripte einer sozialistischen Schülergruppe aus Wattenscheid

Arbeitsplan der USSB-MSA-Wattenscheid 1971 und Beitrittsformulare,                   Signatur: NLP.18:3

Nach einer Demonstration gegen die neofaschistische Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) gründete sich 1969 der Republikanische Club Wattenscheid. Als dieser wenig später aufgrund von Grabenkämpfen zwischen Maoisten und Marxisten-Leninisten zerfiel, überlebte der Unabhängige Sozialistische Schülerbund Wattenscheid, der aus ihm hervorgegangen war. Der Unabhängige Sozialistische Schülerbund Wattenscheid (USSB) betrachtete sich als Basisgruppe der überregional organisierten und 1970 gegründeten Marxistischen Schüler-Assoziation. Beide bekannten sich zu Marx, Engels und Lenin und kritisierten Schule als Teil der kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Die Schüler*innen führten lokal Aktionen durch, solidarisierten sich mit der in den USA kriminalisierten afro-amerikanischen Feministin Angela Davis. Sie demonstrierten gegen den Vietnamkrieg, organisierten einen Schulstreik und kämpften für eine Rauch-Erlaubnis am Wattenscheider Jungen-Gymnasium.

Unser Fundstück des Monats zeigt den „Arbeitsplan der USSB/MSA-Wattenscheid für 1971“ und handgefertigte Beitrittsformulare. Sie stammen aus der Sammlung eines ehemaligen Wattenscheider Schülers, die wir im Rahmen unseres derzeitigen Projekts erschlossen haben.

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August 2021: Plakat zur Hausbesetzung in Münster

afas-Signatur: P3.658

Unser Fundstück des Monats August ist ein Plakat aus dem Bestand des Münsteraner Umweltzentrum-Archivs, mit dem unter dem Motto „für ein selbstverwaltetes Zentrum in MünstA + anderswo“ zu einer Demo am 5. Februar 2000 aufgerufen wurde.

Zu sehen ist eine detailreiche Zeichnung von Demonstrant*innen mit Transparenten vor der Skyline einer Stadt und neben einem besetzten Haus. Bei der Erstellung des Plakates wurden neben den von den Besetzer*innen selbst gemachten auch Grafiken des Comiczeichners Gerhard Seyfried verwendet.

Links im Bild zu erkennen ist der mit Transparenten geschmückte Eingang der besetzten ehemaligen Uppenbergschule. Das Plakat entstand in dem von den Besetzer*innen „Uppe“ getauften Gebäude. Die Geschichte der Uppe begann in der Silvesternacht 1999/2000, als Menschen aus der anarchistischen Szene Münsters in das Uppenbergschulgebäude in der Schulstraße gelangten und ein Transparent mit der Aufschrift „Besetzt!“ am Gebäude platzierten.

Anderthalb Tage später wurde die Besetzung von der Polizei bemerkt. Nach einer Woche teilte die Stadtverwaltung den Instandbesetzer*innen mit, dass sie bis zur nächsten Ratssitzung geduldet seien und garantierte ihnen Straffreiheit. Am 9. Februar 2000 beschloss der Rat der Stadt Münster einen „zügigen Rückbau“ des Gebäudes. Wenige Stunden später, am 10. Februar, wurden die Besetzer*innen von ca. 200 Polizist*innen geräumt. Etwa 100 Aktivist*innen legten nach der Räumung den Berufsverkehr lahm und demonstrierten gegen den Abriss.

Eine Besetzerin: „Auch wenn das Gebäude zerstört werden konnte, so werden doch die Utopien, die darin verwirklicht wurden, weiter leben. Weiter leben werden viele Kontakte und Freundschaften, die in der Uppenbergschule aufgebaut wurden. Weiter leben wird die Erinnerung an ein Zentrum, in dem sechs Wochen lang ein kulturelles und politisches Programm auf die Beine gestellt wurde. Es wurde zusammen diskutiert, gelacht, geweint, gefeiert, getanzt und erfahren, wie wichtig selbstbestimmte Räume sind.“

Das künstlerisch gestaltete Plakat ist eine Rarität. Es wurde Anfang Januar 2000 in einer zweistelligen Kleinstauflage am Farbkopierer ausgedruckt, so dass jedes Plakat ein Unikat ist. Im afas liegen drei Plakate in verschiedenen Farbvarianten vor. Das Plakat ist unseres Wissens in keiner anderen öffentlichen Einrichtung archiviert. Im Rahmen des diesjährigen Projektes konnte es dank Fördermitteln der Allgemeinen Kulturförderung des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe, des Landes Nordrhein-Westfalen und der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur im afas erschlossen werden.

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Juni/Juli 2021: Guten Morgen. 50 Jahre Ton Steine Scherben

Auch Jubiläen finden zur Zeit pandemiebedingt verspätet statt. So hat erst im Juni 2021 die Polit-Rockband Ton Steine Scherben, erweitert durch einige jüngere GastmusikerInnen, anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens in Berlin zwei Konzerte gegeben. Am Kreuzberger Mariannenplatz gab es eine Ausstellung zur Bandgeschichte. Zum weiteren Programm gehören Diskussionen, Stadtrundgänge und Filmvorführungen. Für den August sind Dampferfahrten auf Spree und Landwehrkanal unter dem Motto „Scherben bringen Glück“ geplant.

1971 und 1972 sind zwei bis heute legendäre LPs der Band erschienen: „Warum geht es mir so dreckig?“ und „Keine Macht für niemand“. Ton Steine Scherben waren Teil der linksalternativen Szene, nicht selten riefen sie am Ende ihrer Konzerte zu politischen Aktionen auf. Im Dezember 1971 zum Beispiel beendeten sie ein Konzert im Audimax der TU Berlin mit der Aufforderung, zum Kreuzberger Mariannenplatz zu fahren und das ehemalige Schwesternwohnheim des leerstehenden Bethanien-Krankenhauses zu besetzen. So entstand das bis heute existierende Georg von Rauch-Haus. Über etliche Jahre waren „die Scherben“ so etwas wie die Hausband des Georg von Rauch-Hauses, nahmen regelmäßig an den wöchentlichen Plenumssitzungen teil und spielten bei den 1. Mai-Festen auf dem Mariannenplatz. Bis heute sind viele ihrer Lieder im kollektiven Gedächtnis sozialer Bewegungen präsent.

Weniger bekannt ist, dass die Scherben 1973 in ihrer Wohngemeinschaft am Tempelhofer Ufer 32 eine selbstverlegte Broschüre mit dem Titel „Guten Morgen“ herausgebracht haben. Darin finden sich neben ihren eigenen Songtexten viele Informationen zu seinerzeit aktuellen Auseinandersetzungen und Konflikten wie Hausbesetzungen, politischer Justiz, RAF und Vietnamkrieg. Von Eldridge Cleaver, einem Mitbegründer der Black Panther-Bewegung, wurde der Text „An alle schwarzen Frauen, von allen schwarzen Männern“ abgedruckt, und unter dem Titel „IndianerMacht“ ging es um die Rechte der indigenen Ureinwohner Amerikas.

Interessant sind auch die Hinweise auf ihre musikalischen Vorbilder, zu denen zum Beispiel Bob Dylan und Eric Burdon and War gehörten. Und natürlich standen die Scherben der kapitalistischen Verwertungsmaschine kritisch gegenüber und erläuterten, warum sie ihre Platten selber machen. Anderen, die ihrem Beispiel folgen wollen, boten sie Hilfe an: „Wer seine Platten auch lieber selber produzieren will, soll sich an uns wenden, wir können heisse tips geben“. Im Text „Wie wir leben“ schildern sie kurz und knackig ihr eigenes Selbstverständnis bezüglich Lohnarbeit und alternativer Lebensformen: „Von uns sechs Scherben arbeitet niemand mehr unter einem Chef. Und wenn wir das jemals wieder tun sollten, dann nur, um im Betrieb Putz zu machen. Wir leben zusammen, kochen zusammen, machen zusammen Musik, heften die Platteneinbände zusammen, machen zusammen den Vertrieb. Es gibt keinen Monatslohn. Wer Geld braucht, nimmt es sich und sagt es den anderen“.

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Mai 2021: Vom Handels-, Wandels- und Wandersblatt

afas-Signatur: 90.III.30,2°

Bei unserem Fundstück des Monats handelt es sich nicht um eine Ausgabe des „Handelsblatts“, auch wenn das „Wandelsblatt“ auf den ersten Blick der bekannten Wirtschafts- und Finanztageszeitung zum Verwechseln ähnlich sieht. Die Redaktion des „Wandelsblatts“ bildete sich als Arbeitsgruppe während der bundesweiten Projektemesse „Ökologisch leben, friedlich arbeiten in einer selbstbestimmten Gesellschaft“ im Juli 1984 in Oberursel.
Im Oktober 1984 erschien die erste Ausgabe mit dem programmatischen Untertitel „Zeitung für Selbstverwaltung“. Das „Wandelsblatt“ sollte dem Informationsaustausch, dem Zusammenhalt und der Kommunikation zwischen den selbstverwalteten Betrieben und den Initiativen aus dem Selbstverwaltungsbereich dienen. Die Nummer 4 wurde im Januar 1985 als „Wandersblatt – Zeitung für den längeren Atem“ publiziert. Im Vorwort heißt es: „Da stutzt der Laie, und der Fachmann wundert sich. Wenn aber Goliath dem David auf den Kopf hauen will, muß dieser sich etwas einfallen lassen. Allen einstweiligen Verfügungen zum Trotz wird das WANDEL§BLATT [sic!] weiterhin zuverlässig erscheinen, möglicherweise erstmal weiterhin in Titelvariationen. Wo plumpe (Wirtschafts-) macht uns plattzumachen droht, halten wir unsere Traditionen entgegen: ‚Legal, illegal,……..egal!‘ aber vor allem auch: ‚Phantasie an die M8!’“
Das „Handelsblatt“ hatte gegen das „Wandelsblatt“ eine einstweilige Verfügung erwirkt, „wegen Benutzens eines verwechslungsfähigen Titels einer Druckschrift, unlauteren Wettbewerbs und Namensverletzung (§ 16,1,3 UWG, § 12 GBGB), Streitwert: 150.000,-DM (geschätzt)“.
Durch die Verordnung erreichte das „Wandelsblatt“ einen Popularitätsschub und neue Abonnent*innen. Das von der Handelsblatt GmbH angedrohte gerichtliche Hauptverfahren war aber „wegen der immensen Kosten“ für die Redaktion nicht durchführbar gewesen und die „Wandelsblatt“-Herausgeber*innen mussten klein beigeben. 18.000 DM Gerichts- und Anwaltskosten waren auch ohne Hauptverfahren aufgelaufen. Die Nr. 5 der Alternativzeitschrift erschien dann im Februar 1985 unter dem bis heute beibehaltenen Titel „Contraste“.

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April 2021: Wohnraum für alle!

afas-Signatur: OBJ.7.99

Diese Pappe mit herausnehmbarer Demo-Hand ist ein bislang unverzeichnetes Objekt. Sie wurde am Housing Action Day am 27. März 2021 bei der Kundgebung auf dem Heumarkt in Köln verwendet und gelangte über Kalle Gerigk, einen Aktivisten von Recht auf Stadt Köln, ins afas.

Mieten und Verdrängung sind seit Jahren im Zentrum der politischen Auseinandersetzung. Und das nicht nur in den so genannten Schwarmstädten, in Nordrhein-Westfalen sind dies Bonn, Düsseldorf, Köln oder Münster. Alljährlich findet der europaweite Aktionstag Housing Action Day statt. Dabei wird an zahlreichen Orten mit kreativen Demonstrationen, Kundgebungen und Aktionen auf die prekäre Situation vieler Menschen mit und ohne Wohnung hingewiesen. Unser Fundstück des Monats, die Demo-Hand, war eines der Aktionsmaterialien der Kampagne Mietenstopp zum diesjährigen Housing Action Day, die sich für einen bundesweiten Mietenstopp nach Vorbild des zwischenzeitlich durch das Bundesverfassungsgericht für nichtig erklärten Berliner Mietendeckels einsetzt. Doch auch wenn sich die Gerichtsentscheidung als Rückschlag lesen lässt, so gab sie dem Anliegen auch mehr öffentliche Aufmerksamkeit und wirkte als Ansporn insbesondere für die Initiative Deutsche Wohnen und Co. enteignen. Tausende Unterschriften wurden in den Tagen nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts für das Volksbegehren gesammelt. Durch einen Volksentscheid sollen in Berlin etwa 240.000 Wohnungen von Immobilienkonzernen auf Grundlage von Artikel 15 des Grundgesetzes vergesellschaftet und damit Gemeineigentum werden. Für bezahlbaren Wohnraum setzen sich unzählige Initiativen in ganz Deutschland ein.

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März 2021: Roy Bricks Zeichnung „Auf der Archivleiter“

Allmählich wird sich der afas-Mitgründer und langjährige Archivleiter Jürgen Bacia aus dem Alltagsgeschäft des Archivs herauslösen. Künftig übernimmt er Netzwerkarbeiten und geht papiernen Spuren nach, um unsere Sammlung weiter zu bereichern. In den letzten Jahren hatten wir das Glück, den Generationenwechsel schleichend einleiten zu können. Es gab ausreichend Raum für Gespräche, Fragen und die Übergabe der Stafette. Ein Idealzustand, der dazu geführt hat, dass uns der Generationenwechsel nicht kalt erwischt, wie manch andere Einrichtung. Am Jahresanfang ist nun außerdem Bernd Drücke zu unserem Leitungsteam gestoßen, worüber wir uns sehr freuen! Bernd Drücke ist promovierter Soziologe und persönlich wie wissenschaftlich auf alternative Druckerzeugnisse spezialisiert. Er hat über 22 Jahre als Koordinationsredakteur der Monatszeitung „Graswurzelrevolution“ gearbeitet und ist daher mit Vernetzung und Kommunikation bestens vertraut. Ein Glücksfall ist für das afas außerdem, dass er selbst das Archiv des Umweltzentrums Münster mit aufgebaut hat. Hinter uns liegen nun fast drei Monate der gemeinsamen Arbeit und Einarbeitung, die schön und konstruktiv waren. Ein guter Anfang! Unser Fundstück des Monats ist eine Zeichnung: Graswurzelrevolution-Cartoonist Roy Brick hat Bernd zum Einstieg in den neuen Job eine Archivleiter gezeichnet, die recht gut wiedergibt, welche auch körperlichen Erfordernisse die Arbeit im Archiv mit sich bringen kann.

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Februar 2021: Buttontuch aus dem BBU-Bestand

Unser Fundstück des Monats ist ein Tuch mit Buttons aus der Anti-Atomkraft-Bewegung. Das Logo der lachenden Sonne mit dem Zusatz: „Atomkraft – nein danke“ ist wohl das bekannteste Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung. Dieses wurde 1975 von der Aktivistin Anne Lund aus Dänemark entworfen. Auf unserem Tuch findet sich der Button in 20 verschiedenen Sprachen, insgesamt wurde das Logo in 45 Sprachen übersetzt und millionenfach verbreitet. Es entstanden auch verschiedene Variationen des Logos, von denen eine auf dem Tuch zu sehen ist: Die lachende Sonne mit erhobener Faust.

Das Tuch stammt aus dem Archiv des Bundesverbands Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), welches das afas 2018 übernommen hat.
Der BBU wurde 1972 von 15 Gruppen und Initiativen aus dem Umweltschutzbereich als Dachverband gegründet, schnell kamen viele weitere Gruppen hinzu, so dass der BBU bald hunderte Mitgliedsinitiativen hatte. Er sollte die Arbeit der Gruppen koordinieren, dem Informationsaustausch dienen und eine breitere Öffentlichkeit herstellen. Die Satzung des BBU legte als Vereinszweck „die Erhaltung und die Wiederherstellung der natürlichen Lebensgrundlagen und der durch Umweltgefahren bedrohten öffentlichen Gesundheit“ fest. Ein großer Schwerpunkt des BBU war seit Beginn und ist auch heute noch der Kampf gegen die Atomkraft und die immer noch aktuelle Forderung nach einem sofortigen, globalen Atomausstieg. Während der Anti-Atomkraft-Proteste Ende der 1970er und 1980er Jahre (insbesondere nach Wyhl 1975 und Brokdorf Ende 1976) etablierte sich der BBU, auch durch die starke öffentliche Präsenz seiner Vorstandsmitglieder Hans Helmuth Wüstenhagen und Jo Leinen, als Sprachrohr der Bürgerinitiativen im Umweltschutzbereich. Weitere Themenschwerpunkte des BBU waren und sind u.a. der Kampf gegen Umweltgifte, Schutz des Klimas, Förderung regenerativer Energien, Abfallpolitik, Gewässerschutz und Verkehrspolitik.

Der Bestand des BBU wird zur Zeit erschlossen und ist zum Teil bereits in unserem internen Katalog recherchierbar.

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Januar 2021: Haberfeld Nr. 7 – Zeitschrift nicht nur für bayerische Gefangene

afas-Signatur: 90.III.4

Bei unserem Fundstück im Januar 2021 handelt es sich um die als katholische Publikation getarnte Anti-Knast-Zeitschrift Haberfeld Nr. 7 aus dem Bestand des Münsteraner Umweltzentrums. Um Bayerns Gefangenen ein eigenes Sprachrohr zu verschaffen, entschlossen sich im Winter 1984 Gefangene aus den Justizvollzugsanstalten in Straubing und Kiel zur Herausgabe von Haberfeld, einer „Zeitschrift gegen die Sprachlosigkeit und Knebelung des Lumpenproletariats“. Die aus Frauen und Männern bestehende Redaktion versuchte, sich jeglicher Einflussnahme durch die Anstaltsleitungen zu entziehen. Haberfeld konnte nur außerhalb der Gefängnisse gedruckt werden. Die „Zeitschrift für ausserbayrische Zensoren und bayrische Gefangene“ (Untertitel Nr. 3) wandelte sich zur bundesweit verbreiteten „Zeitschrift für Ausgegrenzte und Weggeschlossene“ (Untertitel Nr. 5, 6 und 8). Als Ziel nannte die Redaktion eine „HERRschaftsfreie Gesellschaft“. Die Anstaltsleiter reagierten mit Repression, die meisten Exemplare wurden von Vollzugsbeamten zur Habe genommen oder beschlagnahmt.

Mit der Nummer 7 gelang es den Macher*innen von Haberfeld die Zensur zu umgehen. Unser Fundstück erschien 1987 unter dem programmatischen Titel „Kardinal Josef Moser: Der Herr ist die Kraft meines Lebens. Eine Schrift an die Gefangenen“ als 182seitiges „Jahrbuch“. Als vorgeblicher Herausgeber fungierte der 1967 von der seelsorgerischen Schriften-Mission ins Leben gerufene Lukas Verlag. Im „Geleitwort“ richtete sich „Kardinal Josef Moser“ an die „lieben Gefangenen“: „Dies Schreiben ist etwas lang geraten. Doch Sie brauchen es ja nicht in einem Zug zu lesen; nehmen Sie Abschnitt für Abschnitt her, wenn Ihnen danach ist.“  Die anarchistischen, auf „Abschaffung des Knastsystems“ zielenden Inhalte dieser Ausgabe waren als solche nicht sofort zu erkennen. Sie wurden getarnt durch vermeintlich „christliche“ Abbildungen, Texte und Bibelzitate. Die Originalüberschriften wurden durch Tarntitel ersetzt. Auf einem zweiten Umschlag, der den außerhalb der Gefängnisse verkauften Ausgaben beigefügt wurde, hatte die Redaktion u.a. einen „Bastelbogen zur Korrektur“ mit den ursprünglichen und den geänderten Überschriften abgedruckt. Die Originalüberschrift „Diskussion zum Knast“ wurde beispielsweise ersetzt durch „Jesus weint über Jerusalem“, aus „Zwangsarbeit im Knast“ wurde „Paulus: ‚Wer da nicht arbeitet, soll auch nicht essen.’“, usw. Die Redaktion begründete ihre Vorgehensweise: „Anstelle der sauren Pflicht haben wir die süße Lust, den Zensoren ein Schnippchen zu schlagen, gewählt.“ Zensur verstoße gegen das Grundgesetz. Sie müsse öffentlich gemacht, bekämpft und aufgehoben werden.

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