Fundstück des Monats

2017

Mai 2017: Feministisches Zine „Die Krake“

 

Unser Neuzugang erscheint schon seit 2006, ist aber, zu Unrecht, bislang ein wenig an uns vorbeigegangen. Das Heft gibt mit seinem wohlformulierten Untertitel „Künstliche Beziehungen für unnatürliche Frauen“ das Programm vor: Es geht um Zwischenmenschliches, Selbstbestimmung und (Un)Alltägliches jenseits von Geschlechternormen. So zirkulieren die reflektierten und subjektiven Beiträge um Polyamorie und Monogamiekritik, Liebe, Gefühle und Sexualität im Lesben-, Queer- und *-Universum. Das ist aber auch für Menschen, die sich in heterosexuellen romantischen Zweierbeziehungen am wohlsten fühlen, spannend, etwa wenn es um Eifersucht mit all ihren Implikationen geht. Die Ausgaben sind mit selbstironischen Comic-Strips und Foto-Love-Stories oder mit visuellen Anleihen aus vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten bespickt. Und auch das Kraken-Motiv wird konsequent durchgezogen: es gibt Kraken-Collagen, Fotos von Kraken-Kuchen oder Kraken-Nestern auf dem heimischen Balkon. Warum hält eigentlich die Krake als Namensgeberin für ein queer-feministisch-lesbisches Zine her? „Kraken gelten als die intelligentesten Weichtiere. Kraken sind in der Regel sehr scheu, jedoch neugierig (…). Kraken haben 3 Herzen und 9 Gehirne“.

 


 

April 2017: Vorschlag zur Gründung eines „Friedensforum Duisburg“

 

Aus Sammlung NLO.17:3 (Friedensforum Duisburg)

Im Zuge der Friedens- und Ostermarschbewegung schlossen sich auch in Duisburg viele BürgerInnen in verschiedenen Gruppen, Arbeitskreisen und Initiativen zusammen. Aus den lokalen Friedensinitiativen formierte sich im Laufe der Zeit ein Organisationsausschuss, der die Koordinierung der Aktionen der Duisburger FriedensaktivistInnen übernahm.
Anfang 1989 beschlossen die Mitglieder des Organisationsausschusses ein Friedensforum zu gründen. Unser Fundstück des Monats ist ein Text von drei AktivistInnen, der mit der Einladung zur Vorbereitungssitzung für den Ostermarsch 1989 am 30. Januar verschickt wurde. Er trägt den programmatischen Titel: Eine neue Struktur für die Friedensbewegung ist notwendig!
Es wird die Gründung eines „Friedensforum Duisburg“ vorgeschlagen, denn in einem solchen könne man besser den geänderten Anforderungen an die Friedensbewegung Rechnung tragen: Zwar gebe es weiterhin viele Menschen, die mit den Werten der Friedensbewegung übereinstimmten, aber leider immer weniger, die sich tatsächlich in der Friedensbewegung engagierten, unter anderem auch, weil viele Organisationen, Parteien und Gruppen eigene Friedensarbeit machten. Daher sei ein Friedensforum, in dem alle Gruppen der Duisburger Friedenszene („Gewerkschaften über Kommunisten, Sozialdemokraten und Grünen bis hin zu Friedensinitiativen, Kirchen,…“) zusammenarbeiten der richtige Weg. Dieses Friedensforum sollte vierteljährlich tagen und „einen Arbeitsausschuss bilden, der die Arbeit zwischen den Sitzungen koordiniert“. Jede Sitzung sollte eröffnet werden mit einem Referat zur politischen Lage des Friedens.
Ein Schwerpunkt der friedenspolitischen Arbeit des Friedensforums war und ist bis heute die Vorbereitung des jährlichen Ostermarsch Ruhr in Duisburg. Daneben initiierte und beteiligte es sich an vielen weiteren Aktionen, Kundgebungen und Demonstrationen gegen Krieg, für Abrüstung und Frieden. Auch lokale Probleme wurden in Angriff genommen, so äußerten in den 1980er Jahren AktivistInnen des Friedensforums starke Kritik an einem Ehrenmal auf dem Friedhof Kaiserberg in Duisburg und dem dortigen Heldengedenken durch reaktionäre Gruppen. Viele Kundgebungen, meist gemeinsam mit anderen Duisburger Initiativen wie dem Duisburger Bündnis gegen Rechts, richteten sich gegen das vermehrte Auftreten von rechtsextremen Gruppen in der Stadt.

Unsere Sammlung des „Friedensforum Duisburg“ umfasst Materialien aus den 1980er Jahren bis Ende 2010, das Friedensforum ist noch heute aktiv: http://friedensforum-duisburg.de/


März 2017: Transparent „Frauen sind die halbe Welt … und wollen Frieden für die ganze Welt“.

Das Transparent in Aktion. Foto: Ingrid Menk.
Angefertigt von Ingrid Menk, Duisburg. Baumwolle mit aufgeklebten Buchstaben und Motiven. Ca. Mitte der 1980er Jahre. 1,40 x 2,30 m. Signatur: T0107

Wir kannten das Transparent, weil wir viele schöne Transparente von Ingrid Menk überlassen bekommen haben. Doch im Unterschied zu den anderen Transparenten von Menk war „Frauen sind die halbe Welt“ am längsten unterwegs, also im Einsatz. Erstmals wurde es bei einer Veranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbundes zum 8. März Mitte der 1980er Jahre genutzt. Der Slogan „Frauen sind die halbe Welt“ wurde seinerzeit von den Gewerkschaftsfrauen ergänzt mit „und wollen Frieden für die ganze Welt“. Damit hatte es für die nächsten Jahrzehnte seine Heimat bei der Friedensbewegung gefunden. Bis vor ein paar Jahren wurde es zum Auftakt des Ostermarsches Ruhr in der Duisburger Innenstadt aufgehängt. Dann hatte es irgendwann seine Schuldigkeit getan und landete als letztes der liebevoll und detailreich gestalteten Menk-Transparente in unserem Magazin – und wurde dort, weil alle anderen Transparente längst verzeichnet waren, tatsächlich vergessen.

Festgestellt haben wir dies erst, als Ingrid Menk es Anfang März diesen Jahres für eine Kulturveranstaltung anlässlich des Internationalen Frauentages im Kultur- und Stadthistorischen Museum Duisburg ausleihen wollte. Hatten wir es überhaupt bekommen?! Wir zweifelten. Ingrid Menk, die ihr Leben lang als Aktivistin in Sachen Frieden, Frauen und Umwelt unterwegs ist, war sich dessen sicher. Sie kam vorbei, wir diskutierten, rekonstruierten Ereignisse – und wurden schließlich fündig. So erlebte das beinahe verschollene Transparent, gebügelt und ein wenig in Form gebracht, einen interessanten Tag im Stadthistorischen Museum, hörte Lesungen und Musik von Claire Waldorf, sah eine Modenschau und staunte über die Künste einer Bauchtänzerin.

Inzwischen ist es wohlbehalten zurück im Archiv. Wir haben es direkt verzeichnet und werden nicht mehr vergessen, wo es liegt.

 


Februar 2017: Brief vom 13.5.1983 an die Selbstorganisation der Zivildienstleistenden

Insgeheim hoffen einige ArchivarInnen womöglich auf die ganz große Entdeckung: eines bis dato wohlgehüteten Geheimnisses, eines verschollen geglaubten Kunstwerkes oder einer Schatzkarte. In unserem Fundstück des Monats entdeckten wir immerhin 30 Deutsche Mark! Ein 10 DM- und ein 20 DM-Schein lagen mit einem Brief in einem Umschlag, adressiert an die Hamburger Regionalgruppe der Selbstorganisation der Zivildienstleistenden (SOdZDL). Die SOdZDL wurde 1971 gegründet, damals noch als Selbstorganisation der „Ersatzdienstleistenden“. Die Gründung war eine Reaktion auf die Schikanen, denen Ersatzdienstleistende oft ausgesetzt waren, da es keine Interessenvertretung für sie gab. Die in der SOdZDL organisierten jungen Männer waren Antimilitaristen und Kriegsdienstverweigerer. Sie betrieben Lobbyarbeit für einen alternativen Friedensdienst, für einen tatsächlichen zivilen Einsatz anstelle eines Arbeitsdienstes, der als reiner „Ersatz“ für den Wehrdienst konzipiert war. Die SOdZDL hat hierneben Kriegsdienstverweigerer beraten und Zivildienststellen vermittelt, Streiks durchgeführt und Repressionen gegen Dienstleistende bekämpft. In ihrer Arbeit deckte sie durch Beratung und Vermittlung die individuelle Ebene ab, griff aber auch gesamtgesellschaftliche Probleme auf, indem sie beispielsweise die Praxis kritisierte, Zivildienstleistende als Lohndrücker und Streikbrecher in vielen Berufssparten einzusetzen.

Unser Fundstück des Monats veranschaulicht das solidarische Organisationsprinzip der SOdZDL: Im Brief bestellt der Absender Info-Material und legt hierfür die 30 DM bei. Im P.S. erzählt er, dass er von einem anderen Zivildienstleistenden hörte, der einer Dienststelle zugeteilt ist, in der er ebenfalls einmal eingesetzt war. Der Absender unseres Briefes bietet an, dem anderen Zivi „wertvolle Tips für die Arbeit“ geben zu können. Jedoch muss die Kontaktaufnahme über die SOdZDL geschehen, „da es diese Dienststelle mit dem Postgeheimnis nicht sehr genau nimmt“.

Das afas hat 2015 den kompletten Aktenbestand sowie zwei große Umzugskartons mit Grauer Literatur, Büchern und Zeitschriften von der SOdZDL übernommen. Man sieht den Materialien an, dass sie jahrelang in dunklen und nicht ganz trockenen Kellern zugebracht haben. Derzeit werden diese Unterlagen erschlossen und zugänglich gemacht.

 


 Januar 2017: Holy Flip – Zeitschrift aus Herten

 

 

Im Gegensatz zu den meisten Zeitschriften und Broschüren im afas, die eher schwere Kost zur ganz großen Politik oder zu den Widrigkeiten des Alltags bergen, frönt die Holy Flip dem Hedonismus und schönen Leben. Die Zeitschrift erschien in Herten, in der Ruhrgebietsprovinz, etwa von 1975 bis 1978. Holy Flip ist besonders schön hergemacht, die Artikel sind oft handschriftlich geschrieben und mit zahlreichen Zeichnungen, Ornamenten und Collagen versehen. Sie ist, das lässt sich kaum verhehlen, sehr drogenaffin. Erzählt wird von diversen Trips auf diversen psychedelischen Substanzen, es geht um Selbstfindung und das Experimentieren mit Bewusstseinserweiterung, um gemeinschaftliches Leben, Hinwendung zur Natur und das Aussteigen. Der Hippie-Duktus der 1970er ist im Jahre 2017 befremdlich: „Liebe, Kommunikation ohne Horror, dancing in the sun, Hare Krischna, Holy Flip. Die Schau beginnt, versuche, auf uns einzuflippen und ich warte auf jedes Zeichen.“ Doch auch ZeitgenossInnen schienen mit dem zum Teil sehr speziellen Stil nicht immer zurechtgekommen zu sein. Die MacherInnen positionieren sich: „viele Leute haben uns nach dem Durchblättern und Durchlesen unserer 1. Zeitung gefragt: Was wollt ihr denn eigentlich damit aussagen? (…) Es ist ganz einfach: Wir versuchen, aus dem Moment-Gefühl zu leben, spontan zu sein, möglichst wenig nachzudenken. Einfach so ne lockere Anarchie (…).“

 


2016

März   April   Mai   Juni   Juli   August   September   Oktober   November   Dezember

Dezember 2016: Notizbuch von Karl Rössel aus den Philippinen

Notizbuch im Format DIN A6

Im Jahr 2012 konnte das afas Teile des Redaktionsarchivs des Rheinischen JournalistInnenbüros – insbesondere die Recherchematerialien von Karl Rössel – übernehmen. Mittlerweile ist ein Großteil der Sammlung, u.a. Archivalien, Fotos, aber auch Audiokassetten mit Interviews oder O-Tönen, erschlossen und zugänglich.

Das JournalistInnenbüro, zunächst noch als Journalistenbüro, wurde 1982 gegründet und bestand bis 2012. Die JournalistInnen arbeiteten als Kollektiv selbstbestimmt und frei. Die Texte wurden gemeinsam redigiert, ein Einheitslohn wurde gezahlt. Sie befassten sich unter anderem mit Arbeit und Armut, Sozialpolitik, Gewerkschaften, Rassismus, Asyl.
Ein großer Themenschwerpunkt aber war Internationalismus. So berichteten die Mitglieder über die Zustände und Projekte in verschiedenen Ländern. Karl Rössel reiste in die Westsahara, nach Australien, in die Pazifikstaaten oder auf die Philippinen. Es entstanden Radiosendungen, Artikel und Bücher über die Aborigines, das Schicksal jüdischer Flüchtlinge in Australien oder die Situation in der Westsahara.
Von einer dieser Reisen stammt unser Fundstück des Monats: Ein Tagebuch aus den Philippinen im Winter 1994. Karl Rössel beschreibt hier auf ca. 250 Seiten seine Erfahrungen und Begegnungen. Er traf sich dort mit verschiedenen AktivistInnen (zum Beispiel für Frauenrechte), mit GewerkschafterInnen und mit KünstlerInnen. Auch berichtet er ausführlich über einen Besuch beim „Bondoc Development Program“, einem von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit unterstützten Projekt auf der Insel Bondoc, und Gesprächen mit den dortigen MitarbeiterInnen. Das Bondoc-Projekt sollte Bauern und Bäuerinnen bei der Durchführung der Landreform auf den Philippinen unterstützen, einige KritikerInnen sprachen jedoch davon, dass es eher der Aufstandsbekämpfung diene.
Auf den oben abgebildeten Seiten schildert Karl Rössel seinen Besuch beim oppositionellen Journalisten Edgar Cadagat vom Nachrichtendienst COBRA-ANS. Dieser hatte 1991, „wahrscheinlich vom Militär“, einen Papp-Sarg erhalten: Darin lag ein Farbfoto Cadagats mit der Nachricht: „May you rest in Peace. God bless you“. Die folgenden Seiten dokumentieren weitere Begegnungen und Interviews mit Cadagat, die zeigen, dass dieser trotz solcher Drohungen weiterhin kritisch über die mangelhafte Durchführung der Landreform und die Unterdrückung der Landbevölkerung berichtet.

Eine ausführliche Selbstdarstellung des Rheinischen JournalistInnenbüro und mehr über die Themenschwerpunkte gibt es hier.

 


November 2016, anlässlich der Ausbürgerung von Wolf Biermann aus der DDR vor 40 Jahren (im November 1976): Plakat zu einem Konzert von Wolf Biermann in der Kölner Sporthalle am 13. November 1976

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Ein schlichtes Plakat im DIN A 2-Format, gedruckt auf dünnem, billigstem Zeitungspapier. Kein Foto des Sängers, nicht mal die komplette Adresse der Kölner Sporthalle ist angegeben. Dafür gibt es viel zu lesen: Textausschnitte, die Wolf Biermann als Kritiker beider Deutschländer zeigen, und Kommentare der Kölner Schülerinitiative gegen Berufsverbote und des Kollektivs vom Anderen Buchladen.

Der Hintergrund: Als 17-jähriger siedelt Wolf Biermann 1953 aus Hamburg in die DDR über, bekommt dort aber bereits 1965 Auftrittsverbot und muss seine Liedtexte und Schallplatten deshalb in der Bundesrepublik veröffentlichen. Im Osten kursieren Abschriften und Tonkassetten seiner Schallplatten, im Westen kennen viele Menschen aus den antiautoritären und undogmatischen Protestbewegungen seine Lieder.
Für ein Konzert am 13. November 1976 in Köln, veranstaltet von der IG Metall, erhält er ein Visum. Über 7.000 Zuschauer erleben einen unvergesslichen Abend.
Am 16. November teilt die staatliche Nachrichtenagentur der DDR die Ausbürgerung Biermanns mit. Am 19. November sendet die ARD das Kölner Konzert in voller Länge zu bester Sendezeit: dadurch ist es auch in der DDR zu empfangen.
Prominente DDR-SchriftstellerInnen wie Sarah Kirsch, Christa Wolf, Stephan Hermlin, Stefan Heym oder Heiner Müller bitten  –  vergeblich  – die Staatsführung der DDR, die Ausbürgerung zu überdenken. Am 21. November stehen bereits rund 100 Namen unter diesem Offenen Brief, darunter Katharina Thalbach, Jürgen Fuchs, Thomas Langhoff, Angelica Domröse, Nina Hagen, Manfred Krug und Armin Mueller-Stahl: die kulturelle und intellektuelle Elite des Landes geht auf Distanz zur Staatsführung. Wahrscheinlich ist das der Anfang vom Ende der DDR, die 13 Jahre später, im November 1989, die Mauer öffnet.

Verantwortlich für das Plakat zeichnet Kurt Holl. Holl war in den 1960er Jahren im Kölner Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) aktiv, in den 1970er Jahren von Berufsverbot bedroht, in den 1980er Jahren Mitbegründer des Rom e.V., der sich für die Menschen- und Bürgerrechte der Roma und Sinti einsetzt, und nicht zuletzt war er Mitherausgeber des Buches „1968 am Rhein“. Holl starb 2015.

 


Oktober 2016: 1975, die erste Ausgabe der AktionWohnungsNot

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Pünktlich zu Beginn des Wintersemesters 2016 war in den Medien wieder zu lesen und zu hören, dass die Wohnungsnot unter Studierenden in Nordrhein-Westfalen dramatische Ausmaße annimmt. Erklärt wird das mit der steigenden Zahl der Studierenden bei gleichzeitigem Mangel an bezahlbarem Wohnraum, etwa in Wohnheimen.
Wenn wir einen Blick zurückwerfen, lässt sich eine Entwicklung hin zum jetzigen Missstand von allgemein steigenden Mieten in westdeutschen Großstädten, Gentrifizierung und Luxussanierung erkennen.
Unser Fundstück des Monats zeigt, dass junge Menschen in Ausbildung und Studium bereits Anfang der 1970er Jahre mit dem Problem, einen Platz zum Leben zu finden, konfrontiert waren. In Zusammenhang mit einer frühen Hausbesetzung im Stadtteil Bilk gründete sich 1973 in Düsseldorf die Aktion Wohnungsnot (AWN). 1975 brachten sie die erste Nummer ihrer Zeitung heraus, in der über die Anliegen des Vereins und die Empörung der AktivistInnen berichtet wird: „Die meisten Düsseldorfer (…) werden schon einmal am eigenen Leibe erfahren haben, was es heißt, Wohnraum als ‚Ware‘ auf dem Wohnungsmarkt‘ gesucht zu haben (…) um dann doch nur eine ‚Bude‘ zu bekommen, die man eigentlich nicht bezahlen kann (…).“ Die AWN machte sich auf die Suche nach gut erhaltenen, aber leerstehenden Häusern, um mit der Stadt eine legale Besetzung zu diskutieren. Nach zähem Ringen entschloss die Stadt sich dazu, SchülerInnen, Lehrlinge und Studierende in einigen der leerstehenden Häuser preiswert wohnen zu lassen. Die Zusammenarbeit mit der Stadt blieb ambivalent und wurde von vielen besonders kritisch beäugt, weil sie letztlich keine dauerhafte Lösung bot und Häuser nach wie vor abgerissen werden konnten, sollte es für die Grundstücke einen anderen Plan geben.
Der AWN jedoch ging es um mehr, ihr war an einer antikapitalistischen Perspektive auf Wohnraum gelegen: „Es kann nicht Sinn der AWN sein, erst dann aktiv zu werden, wenn (das) Haus schon aus Spekulationsgründen geräumt wurde (…). Wohnraum kann nicht Ware sein (…). Darum setzt (sich die AWN) ein für ein neues demokratisches Bodenrecht, das die Spekulation mit Grund und Boden unmöglich macht, für eine menschliche Stadtplanung unter Mitwirkung der Bevölkerung, für die Abschaffung des privaten Maklerwesens zugunsten einer öffentlichen, kostenlosen Wohnungsvermittlung.“

Im Verlauf der 1970er Jahre beteiligten sich AWN-Mitglieder zwar immer wieder an Besetzungen in Düsseldorf, machten Stadtteilpolitik und waren an den Hochschulen aktiv. Doch breitete sich gleichzeitig bei vielen Mitgliedern eine unpolitische „wir wollen einfach nur billig wohnen“-Stimmung aus. Hinzukommend fanden die Hausbesetzungen ein jähes Ende: Anfang der 1980er Jahre waren fast alle Häuser geräumt und um die AWN wurde es sehr still.
Festzuhalten bleibt, dass die AWN früh die Themen Spekulation und Wohnungsnot auf’s Tapet gebracht hat, um ganz konkret jungen Menschen in Düsseldorf ein bezahlbares Dach über dem Kopf zu organisieren. Die Ideen der AWN und ihre Kritik am Wohnungsmarkt überlebten in nachfolgenden Initiativen und Gruppen – nicht nur in Düsseldorf.

 


September 2016: Telegramm von Bertha von Suttner an Magnus Schwantje vom 11. Dezember 1911

„ja = suttner“. Kürzer geht es nicht. Aber um was ging es?

Magnus Schwantje, der zu Unrecht ein wenig in Vergessenheit geratene Tierethiker, Pazifist und Sozialreformer (1877 – 1959), hatte 1911 beschlossen, eine neue Zeitschrift mit dem Titel „Ethische Rundschau“ zu gründen. Schwantje hatte bereits 1907 die „Gesellschaft zur Förderung des Tierschutzes und verwandter Bestrebungen“ gegründet, die 1919 in „Bund für radikale Ethik“ umbenannt wurde. Die neue Zeitschrift sollte sich sowohl für die Tierschutzbewegung als auch für die Friedensbewegung einsetzen.

Was lag da näher, als Bertha von Suttner, die 1911 die wohl prominenteste Vertreterin der Friedensbewegung war und die sich im Jahr 1898 in einer Streitschrift gegen Tierversuche (damals Vivisektion genannt) ausgesprochen hatte, um Mitarbeit zu bitten? Am 2. Dezember 1911, als bereits etliche prominente Persönlichkeiten Magnus Schwantje zugesagt hatten, an der „Ethischen Rundschau“ mitzuarbeiten (darunter Alfred Hermann Fried, Ludwig und Margarethe Quidde, Marie von Ebner-Eschenbach) bat er in einem langen Brief auch Bertha von Suttner um Mitarbeit an seiner Zeitschrift  –  und darum, sie „in einem Prospekt, der schon in der nächsten Woche gedruckt werden soll, (…) unter den Schriftstellern zu nennen, die mir Aufsätze in Aussicht gestellt haben“.

Als sechs Tage später, am 8. Dezember 1911, noch keine Antwort von Bertha von Suttner vorlag, hakte er in einem zweiten Brief nach: „Eine Verpflichtung zur Mitarbeit würden Sie durch die gütige Erfüllung meiner Bitte ja noch nicht übernehmen, da ich in dem Prospekt bemerken werde, daß einige der genannten Schriftsteller mir noch nicht einen Aufsatz eingesandt haben, sondern ihre Mitarbeit nur in Aussicht gestellt haben“. Um den Druck des Prospektes nicht zu verzögern, bat er Bertha von Suttner um telegraphische Antwort: „Das Telegramm brauchte ja nur das Wort ,Ja‘ oder das Wort ,Nein‘ zu enthalten“. Selbst die Kosten des Telegramms wollte Schwantje „sogleich nach dem Empfang durch Postanweisung oder in oesterreichischen Briefmarken einsenden“.

Drei Tage später, am 11. Dezember 1911, kam die telegraphische Antwort aus Wien: „ja = suttner“.

Nachbemerkung: der Nachlass Magnus Schwantjes befindet sich seit August 2016 im afas. Er ist Teil des Archivs des Vegetarierbundes Deutschland (VEBU), das ebenfalls dem afas übergeben worden ist.

 


August 2016: Das Plakat: Sex Police Academy

Vor kurzem erreichte uns eine interessante Email. Michael Schneidewind, der Gründer der Sex Police Academy und Gestalter des obigen Plakates, fand dieses in unserem Katalog, nachdem er es jahrelang verschollen glaubte. Die Freude war auf beiden Seiten groß: er bekam das Plakat in digitaler Form, und wir erhielten mehr Hintergrundinformationen dazu.

„Die Sex Police Academy, Kölns erste und einzige Ausbildungsstätte für Sitte und Moral, bildet im Rahmen des Sommersemesters 90 Männer und Frauen zur Sex-Police aus. Einsatzorte in Köln: überall.“ So wirbt das Plakat für mehrere Veranstaltungen, „Einführungs- und Fortgeschrittenenkurse“ im Mai und Juni 1990 zu den Themen Moral, Sitte und Erotik.
Die Sex Police Academy war die ironische Antwort auf die Absicht des Ordnungsamtes Köln, die eben erst neu eröffnete Schwulensauna Phoenix mit dem Hinweis auf „unsittliches Verhalten“ wieder zu schließen. Aber was versteht man unter unsittlichem Verhalten? Die Bildungsstätte sollte genau dieser Frage mit Humor nachgehen. Von Michael Schneidewind wurde diese innerhalb von nur vier Wochen erdacht und realisiert. Sie erreichte schnell so viel Aufmerksamkeit innerhalb Kölns, dass bereits nach der Eröffnungsfeier unter dem Titel: „Stress in Kölner Männerbande“ das Ziel erreicht war: Das Ordnungsamt „musste unter dem Gelächter der Kölner die Waffen strecken“, die restlichen Veranstaltungen fanden erst gar nicht statt.

 


Juli 2016: Brettspiel Klassenkampf


Wenngleich der auf dem Karton abgedruckte Hinweis „Mehr als ein Spiel und mehr als ein Buch: Hier lernen Sie spielend, wie ernst das Leben ist“ nicht sonderlich ermutigend klingt, kommt nach einem Blick in die Spielregeln doch noch Laune auf. Denn in Klassenkampf geht es um nichts weniger als die Frage, wer „in der Auseinandersetzung der Klassen in unserer Gesellschaft die Revolution gewinnt.“ Die deutsche Version von 1980 basiert auf dem 1978 erschienenen „Class Struggle“ des amerikanischen Uni-Professors Bertell Ollmann. Auf einer Reise nach New York begeisterte sich der SPD-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Roth für das Spiel und bemühte sich, unter Mitarbeit des Historikers Peter Brandt, um die Herausgabe einer deutschen Version.

Es spielen nicht Einzelpersonen, sondern Klassen gegeneinander – jedoch können die SpielerInnen ihre Klasse nicht selbst aussuchen, „denn auch im Leben entscheidet weniger der eigene Wille (…) als der ,Zufall‘, in welche Familie man hineingeboren wird.“ Die SpielerInnen würfeln aus, ob sie zu den Hauptklassen Arbeit oder Kapital, oder zu den Bündnisklassen Bauern, Mittelstand, neue Mittelklasse oder Intelligenz gehören. Das Spiel ist Monopoly nachempfunden, sicherlich sogar als Gegenentwurf zu seinem geld- und besitzanhäufenden Prinzip konzipiert. Statt Gefängnis oder Schlossallee bieten die Spielfelder einen Ritt durch die Historie der Arbeiterbewegung: Von der „Beseitigung feudaler Bindungen“ landen die SpielerInnen auf Feldern wie „Einheitliche Arbeiterpartei gegründet. Parteifahne aufstellen!“, „Arbeiterführer wegen ,Volksverhetzung‘ verhaftet“, „Der 8-Stunden-Tag ist durchgesetzt“, aber auch „Das Kapital tanzt Charleston“ bis hin zu „KAMPF: Revolution“ und den schlussendlichen Alternativen „DIKTATUR DES KAPITALS“ oder „SOLIDARISCHE GESELLSCHAFT“.

 


Juni 2016: Airmail aus Vietnam mit Karl-Marx-Briefmarken

Die Aktion Friedensdorf wurde 1967 in Oberhausen unter dem Eindruck des Sechs-Tage-Krieges im Nahen Osten und des Vietnam-Krieges gegründet. Um 1967/68 kamen die ersten kriegsversehrten Kinder aus Vietnam ins Friedensdorf, um dort medizinisch und pädagogisch betreut zu werden. Aus dem Nachlass einer Bonner Eine-Welt-Aktivistin haben wir in großem Umfang Unterlagen der Bonner Lokalgruppe, aber auch des Gesamtverbands der Aktion Friedensdorf erschließen können. Die Organisationsinterna, also etwa Protokolle, Korrespondenzen, Notizen und Manuskripte geben wieder, welcher bürokratische Aufwand unternommen werden musste, um die Kinder – während des Krieges – nach Deutschland zu fliegen. Die Fotos und Dias, aber auch die Korrespondenzen von und mit VietnamesInnen zeigen eine schwierige Situation: Einerseits waren die Kinder in Sicherheit und ihre teils gravierenden Verletzungen wurden versorgt. Andererseits waren sie weit weg von ihrer Familie (sofern noch vorhanden) in einer ganz fremden Umgebung.

1984, beinahe zehn Jahre nach Kriegsende, kümmerte sich die Aktion Friedensdorf weiterhin um die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Unser Fundstück des Monats ist der Umschlag eines Briefes aus dem inzwischen vereinigten sozialistischen Vietnam, der an die Bonner Aktion Friedensdorf geschickt wurde. In dem Brief schildert eine vietnamesische Mutter die lebensbedrohlichen Krämpfe ihres Sohnes und bittet die Bonner Gruppe um Hilfe. Die meisten Briefe und gesundheitlichen Gutachten sind auf Vietnamesisch. Sie wurden von einem jungen Vietnamesen, der als Kind während des Krieges ins Friedensdorf kam und sich danach in Deutschland niederließ, ins Deutsche übersetzt.

 


Mai 2016: Bluse zum Protest gegen die Rüstungsproduktion von Daimler-Benz


Im Herbst 1998 wurde in der Ludwig Galerie im Schloss Oberhausen die Ausstellung „Mythos Mercedes“ eröffnet, in der es -eigentlich- um die künstlerische Bearbeitung des Fetischs Auto ging. Die Friedensinitiative Oberhausen nutzte die Gelegenheit, um auf die Rolle des Mercedes-Konzerns in der Kriegs- und Rüstungsindustrie hinzuweisen, beispielsweise auf die Produktion von Minen. Spenden für Minenopfer wurden gesammelt, Protestplakate ausgestellt und eine Aktivistin der Friedensinitiative trug unser „Fundstück des Monats“: Eine Bluse, auf deren Rückseite die Werbung der Daimler-Gruppe „Deutsche Aerospace“ gedruckt ist, die eine Panzerabwehrrichtmine anpreist.
Im Zusammenhang mit dem Ottawa-Abkommen über „das Verbot des Einsatzes, der Lagerung, der Herstellung und der Weitergabe von Antipersonenminen und über deren Vernichtung“ kündigte der Daimler-Konzern an, sich 1999 von der Antipersonenminen-Produktion zurückziehen zu wollen.

In unseren Archivalien der Friedensbewegung, der Anti-Apartheid-Bewegung oder des Rheinischen JournalistInnenbüros gibt es viele weitere kritische Auseinandersetzungen mit dem Export von Daimler-Produkten für die Kriege und Konflikte dieser Welt.

 


April 2016: Graue Literatur zur Nuklearkatastrophe in Tschernobyl am 26. April 1986

Unglückshergang und Auswirkungen von Tschernobyl haben sich heute ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. In den Wochen unmittelbar nach der Explosion des Kernreaktors drangen jedoch nur wenige Informationen nach außen. Die Strahlenschutzkommission beschloss Anfang Mai, den zunächst von ihr empfohlenen Grenzwert von 100 Becquerel Caesium 137 je Kilogramm Gemüse aufzuheben. Kein Wunder, dass sich große Teile der deutschen Bevölkerung von der Bundesregierung und ihren Institutionen nicht ausreichend aufgeklärt fühlten – insbesondere über die gesundheitlichen Folgen. Angesichts des Super-GAUs wurde es für viele BürgerInnen immer augenscheinlicher, dass Atomtechnologie ihr Versprechen von einer „sauberen“ und „fortschrittlichen“ Energieversorgung nicht einlösen kann.

Menschen quer durch alle gesellschaftlichen Schichten und politischen Richtungen drückten ihren Unmut über die als verantwortungslos empfundene Politik auf der Straße aus und nahmen die Informationspolitik selbst in die Hand. Im afas haben wir ein breites Spektrum an Zeugnissen dieser atomkritischen Zusammenschlüsse nach Tschernobyl archiviert. Politische und unpolitische Gruppen jedweder Couleur äußerten sich bereits wenige Wochen nach der Katastrophe in selbstgemachten Flugblättern, Broschüren und Zeitschriften.

An vorderster Front standen NaturwissenschaftlerInnen, Friedens- und Öko-AktivistInnen, die ihre Expertise weitergaben. Die Menschen waren hochgradig verunsichert, was sie noch essen und wie sie sich im Alltag verhalten sollten. In unseren Broschüren sind daher unzählige Tabellen und Listen mit Strahlenwerten sowie dem Verseuchungsgrad von Boden, von Obst- und Gemüse, von Fleisch- und insbesondere von Milcherzeugnissen zu finden. Ein Schaubild (Foto 5) der Fachschaft Physik an der Ruhr-Uni Bochum zeigt, in welchen Körperregionen sich radioaktive Stoffe bevorzugt absetzen.

Die Bremer Bürgerinitiative gegen Atomanlagen und der Bremer Gesundheitsladen gehen es noch differenzierter an und versuchen sogar, den komplexen Berechnungsweg für belastete Nahrungsmittel aufzuzeigen.

Regionalspezifische Organe fanden reißenden Absatz. Die Zeitung „Halbwertzeit“ mit dem Untertitel „Leben mit der Katastrophe, Lernen aus der Katastrophe“ wurde im Mai 1986 von BürgerInnen aus Münster gegründet. In der zweiten Ausgabe der Halbwertzeit berichten die MacherInnen davon, wie sich die 120.000 Exemplare der ersten Ausgabe in rasender Geschwindigkeit verbreitet haben. Mit einigem Galgenhumor gehen sie auch auf die gesunkenen Strahlungswerte ab Juni 1986 ein: „Man kann sagen, die Radioaktivität hat sich gut verteilt. Nach Tausenden von Becquerel klingen zehn Becquerel schon fast so, als sollte man unter fünf gar nichts mehr essen.“ Aber sie mahnen: „Wir müssen nicht auf den nächsten GAU warten. Wir müssen nicht leben mit Politikern, die (…) mit Tricks aus Werbeagenturen kommen: Die Angst soll weg, die Atomkraftwerke sollen bleiben. Darum in der Halbwertzeit (…) neben der Nachsorge nach Tschernobyl auch viel Vorsorge: Daß uns das nicht nochmal vorkommt.“

 


März 2016 zum Internationalen Frauentag: Frauenarbeits-Lose der Bonner „Frauenintiative 6. Oktober“ aus Mitte der 1980er Jahre


Weil das Parlament nach der Bundestagswahl 1980 weiterhin äußerst männerdominiert war, reagierten politisch engagierte Frauen in Bonn mit Gründung der „Fraueninitiative 6. Oktober“. Um sich zu vernetzen, den frauenpolitischen Wirkungsgrad auszudehnen und über feministische Themen zu informieren, die in der konventionellen Presselandschaft untergingen, formierten sie sich kurz darauf zur „Initiative Frauen-Presse-Agentur“. 19 Jahre lang brachte die „IFPA“ ihren Rundbrief raus und kämpfte öffentlichkeitswirksam für die Rechte von Frauen hierzulande und anderswo.

Das afas hat große Teile der Bonner IFPA-Geschäftsstelle übernommen. Aus den Materialien lassen sich mitunter denkwürdige Kontinuitäten der damaligen feministischen Anliegen bis in die Jetztzeit herauslesen: Bei Aktionen verteilte die IFPA „Frauenarbeits-Lose“ an Frauen, um auf die ungleichen Strukturen für Männer und Frauen auf dem Arbeitsmarkt aufmerksam zu machen. Die Diskussionen um gleichen Lohn für gleiche Arbeit, Bezahlung überhaupt für Care-Arbeit oder die rechtskonservativen Stimmen, die sich einmal mehr die Rückkehr der Frau zu Heim und Herd wünschen, sind bis heute zu vernehmen…

Die Sammlung der IFPA kann bei uns im Archiv eingesehen werden! Für einen Überblick über Geschichte und Aktionen der IFPA siehe auch diesen Artikel.

Unsere Sammlungen beherbergen viele andere spannende feministische Fundstücke wie Buttons, Aufkleber, Demo-Material oder auch das Femory …!